Die Zeit wird mit der Zeit immer wichtiger

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„Wow, da haben Sie aber den Nagel auf den Kopf getroffen. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht.“ So waren gestern diverse Reaktionen bei meiner Lesung in Eglharting. Eigentlich denke ich immer, es sind die Geschichten meiner Begleitungen oder auch meine speziellen Erfahrungen, aber einige beschäftigte vielmehr das Thema Zeit.

Es gibt ein gerechte Währung im Leben …

Je weiter wir im Leben voranschreiten, desto bedeutender werden auch die Erinnerungen. Das liegt in der Natur der Sache. Wir führen tatsächlich ein Leben als „Erinnerungssammler“ das passiert einfach so nebenbei, ohne dass wir es bemerken.

Wenn es eine gerechte Währung, einen wahrhaftig und unbezahlbaren Schatz gibt, dann unsere persönliche Zeit und unsere Erinnerungen.

Wenn etwas ganz besonderes erlebt wurde, lässt es uns einfach nicht mehr los. Darum sollten wir versuchen, uns ein Sammelbecken an Erinnerungen zuzulegen, die schön und lebendig sind.

Erinnerungen kommen zu uns, um zu bleiben.

Das ist der wirkliche, verlässliche Reichtum, den uns keiner nehmen kann. Geld hilft uns dabei kaum. Neugier, die Freude am Schönem, Humor und Interesse an der Welt dagegen schon. Ohne diesen Schatz an guten Gedanken wäre unser Leben wirklich ärmer.

Nutzen Sie jetzt die Zeit dafür, sich Ihren eigenen wertvollen Schatz anzulegen und teilen Sie Ihre Zeit mit den Menschen, die Ihnen nahestehen.

Dabei geht es nicht nur um die Quantität, sondern viel mehr um die Qualität. Wir haben alle vierundzwanzig Stunden, täglich zur Verfügung. Jeder von uns, muss für sich abwägen, wie er diese Zeit verbringt. Je nachdem, wie Sie Ihre Lebensmomente betrachten, werden sie für Sie gut oder weniger förderlich sein.

Sie haben die Wahl.

Natürlich haben wir alle unserer Verpflichtungen. Schließlich eignet sich nicht jeder dafür, in in einer Höhle auf Ibiza als Hippie zu wohnen und das Leben zu feiern. Viele von uns müssen in die Arbeit gehen, Geld verdienen, die Familie versorgen.

Allerdings, wie wir diese Zeit empfinden, ist unsere Entscheidung.

Persönlich habe ich irgendwie das Gefühl, mit zunehmendem Alter vergeht die Zeit schneller. Je weniger Lebenszeit uns noch bestimmt ist, desto schneller verfliegt sie. Also gefühlt allemal.

Doch Zeit ist für mich der Inbegriff von Gerechtigkeit. Wir haben alle die gleiche Zeit und wir wissen nicht, wie viel wir davon haben oder wann sie verbraucht ist. Kein Mensch der Welt, egal wie wertvoll die Rolex an seinem Handgelenk oder der Sportwagen vor seinem Haus ist, keiner kann mehr Zeit für sich verbrauchen, als ihm zugedacht ist. Jeder Einzelne von uns hat aber die Freiheit, seine eigene Zeit zu nutzen und die Qualität der Zeit mit seiner Wahrnehmung zu verändern.

Wie wir diese Zeit nutzen, dafür sind wir selbst verantwortlich. Dafür gibts keine Ausreden, sorry.

Leider hilft uns da selbst die modernste Technik nicht aus dem Schlamassel. Sind wir es doch gewöhnt, alles im Griff zu haben. Vor allem die Zeit möchten wir bitte schön genau planen. Wir wissen zum Beispiel, ob es in den nächsten drei Stunden regnet, ob sich der Ausflug an den See noch rentiert. Ein Blick auf die Wetter App gibt mir die Sonnenzeiten an. Intelligente Armbanduhren messen heutzutage nicht mehr nur die Zeit, sondern wissen genau, wie viel Minuten wir zum Schlafen, Essen und spazieren gehen, verbrauchen.

Wir haben die Anmutung, dass wir das Leben kontrollieren und berechenbar machen können. Genaue Prognosen, Statistiken, Kalkulationen dokumentieren uns, wie wir unsere Zeit am besten nutzen können.

Ein Gefühl der Kontrolle, der Übersicht. Scheinbar …

Aber was ist mit dem Tod? Ok klar, da gibt es eine Fülle an Informationen im Internet, aber haben einen Einfluss darauf, wann er kommt und wie er uns an die Hand nimmt? Nein. Da gibts noch keine App, die uns vorwarnt: „Achtung Ihre Lebenszeit läuft in drei Jahren ab. Regeln sie Ihre persönlichen Angelegenheiten, besuchen sie Freunde, gehen sie auf Reisen.“ Oh weh, so viel Technik, und doch keine Kontrolle.

In meinen Begleitungen erfahre ich leider öfter, dass ungenützte und sinnlos vertane Zeit bereut wird. Nicht wenige sehen erst ganz am Ende die Wichtigkeit der Zeit und Ihre Bedeutung. Die Lebensuhr lässt sich jedoch nicht mehr zurückdrehen. Egal wer da liegt. Am Ende sind wir irgendwie alle gleich.

Im Grunde wissen wir es doch alle:

Wir wissen, was wir falsch machen, dass wir zu viel arbeiten, zu wenig lieben, dass wir neidvoll nach rechts und links schauen. Wir wissen jeder persönlich, was uns guttut und was nicht, und doch haben wir die Illusion, unser Leben wäre nicht vergänglich, es wäre unendlich.

Doch das ist ein Trugschluss und wenn wir erkennen, dass wir nur den jetzigen Moment haben und nur diese eine Realität, dann beginnt die beste Zeit unseres Lebens.

Beginnen sie heute!

Jetzt ist der richtige Augenblick für die beste Zeit Ihres Lebens. Denn das Leben ist zu kurz für irgendwann!

High auf Rezept

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„Ach, mir machen die Darmspiegelungen nichts aus. Im Gegenteil. Ich mag das Narkosemittel, da schläft man so schön schnell ein. Und vorher dieses feine Säftchen. Wenn man das Beruhigungsmittel erst mal eingenommen hat, obwohl ich das gar nicht bräuchte, weil ich nicht aufgeregt bin, dann erinnert mich das an meinen ersten Joint. Damals war ich noch ganz jung, als ich das mal ausprobiert habe. Ich kenne das Gefühl, wenn alles so „wegschwebt“. Schon irgendwie schön. Heute rauche ich natürlich schon lange keine Joints mehr. Ne, das bringt doch auf Dauer nichts und Alkohol habe ich noch nie getrunken.“

Ich dachte, ich hör nicht richtig!

Da hatte meine liebe alte Dame sich doch gerade als ehemalige Kifferin geoutet. Obwohl weit über siebzig ist sie trotzdem immer noch rüstig und geistig fit. Wenn ich sie mir so ansehe mit ihren grauen, strubbeligen kurzen Haaren und den vielen feinen Falten im Gesicht, dann passiert es mir schon auch, dass ich vergesse das sie früher einmal jung gewesen ist. Ein unbedarftes Mädchen, das seinen Spaß hatte, seine ganz eigenen Dummheiten machte und viele Höhen und vielleicht auch besondere Herausforderungen erlebt hat.

Dann werde ich neugierig, versuche sie mir als junge Frau vorzustellen. Wie war Ihre Vergangenheit? Was hat sie erlebt? Welche Ziele hatte sie und wer hat ihren Weg begleitet?

Ich frage nach, interessiere mich für ihre Biografie und und bekomme zur Belohnung wunderbare Geschichten zu hören.

Von meiner lieben alten Dame erfuhr ich, dass sie eine hervorragende Hochleistungssportlerin gewesen ist. Mit leuchtenden Augen erzählte sie mir von ihren vielen Reisen, zu den Olympischen Spielen 1960 in Rom und auch 1964 in Tokio. Sie hatte als großartige Sportlerin gute Erfolge erzielt und wertvolle Auszeichnungen erhalten. So vieles hatte sie erlebt, gesehen, wurde Zeitzeugin der Geschichte und Bewahrerin eines ganz besonderen Erfahrungsschatzes.

„Ach das Leben vergeht so schnell und das Dumme ist, das man es erst im Alter versteht, wie schnell.“

Manchmal frage ich mich: „Ab wann merkt man denn eigentlich, dass man alt wird?“ Keine Ahnung, aber die Vorstellung, dass mein Highlight einmal das Beruhigungsäftchen des Endokrinologen sein soll, macht mir schon etwas Bauchweh.

Neulich hat mir ein sehr freundlicher Jugendlicher seinen Platz in der U-Bahn angeboten. Eigentlich eine nette Geste, so höflich und wohlerzogen. Ich hingegen war doch etwas, um es milde auszudrücken, überrascht. Sehe ich wirklich so aus, als würde mir das Stehen Schwierigkeiten bereiten? Ich wollte doch nur mal wieder meine gemütlichen Birkenstock gegen die eleganten Halbschuhe mit den 2 cm hohen Absätzen austauschen. Ok, manchmal, wenn ich mich bücke, um die Schuhbänder an meinen Walkingschuhen zu binden, denke ich mir schon hin und wieder: „Wenn ich schon mal hier unten bin, was gibts denn da sonst noch so zu tun?“

Geht es Ihnen auch so? Irgendwie finde ich, sind Leute in meinem Alter älter als ich.

Wenn ich Freunde nach längerer Zeit nicht mehr gesehen habe, denke ich des Öfteren so bei mir: „Ups, da ist jetzt aber jemand alt geworden.“ Und damit meine ich nicht mich … Vermutlich denkt sich mein Gegenüber in jenem Moment genau dasselbe. Urlaubsfotos im schicken Badeanzug sind da ebenfalls ein erbarmungsloses Mittel um deutlich zu erkennen, dass die netten Dreißiger doch schon klar durchschritten sind. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Zeit schneller rennt als Forrest Gump. Vermutlich, ehe ich mich umschaue, verprasse ich meine Rente im Seniorenheim und erzähle jedem der es hören will von vergangenen Zeiten.

Also, von den Olympischen Spielen werde ich später leider keine persönlichen Ereignisse berichten können, aber dafür eine ganze Menge anderer Dinge. Meine größte Hoffnung ist, dass es nicht nur der Endokrinologe ist, der mir gegenüber sitzt und sich dafür interessiert.

Deswegen …

Fragen Sie doch einfach mal bei Ihren Senioren nach, Sie werden staunen, welche Anekdoten da zutage kommen! Ob es meine liebe alte Dame als ehemalige Sportlerin, die ab und zu mal einen Joint geraucht hat, toppen kann? Schreiben Sie es mir einfach mal als Kommentar. Ich freue mich darauf!

Es ist wieder passiert!!

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Nach den langen Monaten des Wartens dufte ich mein Buch der Öffentlichkeit präsentieren und war überwältigt von den wunderbaren Reaktionen.

Am meisten erwischte es wohl aber mich.

Um die Lesung vorzubereiten, habe ich das Buch nach längerer Zeit wieder in die Hand genommen. Es galt, den Ablaufplan zu erstellen, die Texte zu üben, die Musik entsprechend auszusuchen und alles an das gewünschte Zeitfenster anzupassen.

Während ich die Texte mehrmals durchgelesen hatte, blieb ich immer wieder an einer bestimmten Stelle hängen und konnte nicht weiterlesen. Zu nahe ging mir die Geschichte. Die Person, mit der ich das erlebte, tauchte immer wieder vor meinem geistigen Auge auf. Jedes Mal, wenn ich zum Schluss der Erzählung kam, kämpfte ich mit den Tränen.

Zu wach war die Erinnerung.

„Was ist denn jetzt los mit mir? Reiß dich zusammen, du kennst doch die Geschichte. Hast sie ja selbst geschrieben!“ Schimpfte ich mich selbst.

Damit mir meine Stimme im Moment des Auftritts nicht versagt und mein Publikum seine eigene Interpretation entwickeln kann, übte ich sehr intensiv den Text, um meine Emotionen in den Griff zu bekommen.

Aber ich denke, dass macht doch die Hospizarbeit auch aus. Empathie, Einfühlungsvermögen und das Erleben menschlicher Schicksale. Sicher wirken die letzten Monate nach. Corona und die damit verbundenen Einschränkungen gingen auch an mir nicht spurlos vorüber.

Vielleicht kann ich deshalb jetzt noch mehr meine Begleitung von damals verstehen, die Ihr Leben nicht selbstbestimmt gelebt hat.

Wir alle waren in vielen Momenten der letzten Zeit nicht mehr selbstbestimmt. Mussten und müssen uns noch an Regeln halten, die für alle wichtig sind.

Ich wünsche uns allen, dass wir bald wieder Normalität leben dürfen, selbstbestimmt und mit entsprechendem Freiraum. Es sollte uns immer wieder bewusst sein, dass unsere Freiheit und die Möglichkeiten, das zu tun, worauf man Lust hat, nicht selbstverständlich sind. Es lohnt sich, sein Leben verantwortungsvoll selbst in Hand zu nehmen. Wenn Sie das nicht tun, dann kann es passieren, dass am Ende Ihrer gezählten Tage folgende Geschichte erzählt wird.

… Franziska Knaur, 54 Jahre jung, Bauchspeicheldrüsenkrebs. So lautete meine Einsatzbeschreibung. Sie wurde von ihrem Mann aus der Klinik nach Hause geholt, um dort ihre letzte Reise anzutreten … (Beginn meiner Geschichte im Buch auf Seite 119)

Alle meine aktuellen Termine für Lesungen finden Sie hier auf meiner Homepage unter „Aktuelles“ Sie persönlich begrüßen zu dürfen, wäre mir eine große Freude!

Die Königin ist tot. Lang lebe die Königin.

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So der Titel eines Films, der vergangene Woche als Quotenhit im Fernsehen zu sehen war. Es war der letzte TV Auftritt der wunderbaren Hannelore Elstner. Eine bemerkenswerte Frau mit außergewöhnlicher Ausstrahlung und Talent.

Im Hospiz begleitete ich eine Schauspielerin die mich sehr an die verstorbene Leinwandikone erinnert. Ihre ungewöhnliche Geschichte berührte meine Herz und fand einen Weg in mein Buch. Hier eine kleine Leseprobe:

„Wer den Tod fürchtet, lebt nicht!

Eine wahrhaftige Diva mit blonder Langhaarperücke, pinkfarbenem Nachtkleid, leuchtendem Schal und ebenso grell lackierten Fingernägeln. Meistens saß sie aufrecht im Bett. Umhüllt von einer dicken Wolke aus Parfüm, die den strengen Geruch ihres offenen Tumors überdecken sollte.

       Die vier erfolglosen Chemotherapien nahmen ihr zwar die Haare, aber nicht ihre Würde und die Freude am Leben. So gut es ging, versuchte sie noch daran teilzunehmen. Dicke Theaterbücher und andere Wälzer thronten in ihrem Regal und im Hintergrund trällerte der CD-Player kontinuierlich Operettenschlager.

   Leidenschaftlich erzählte sie von ihrem erfüllten Leben mit  glänzenden Augen und großen Gesten und ich spürte, wie sehr sie das Leben genossen hatte, aber auch wie sehr sie manches vermisste. „Mein Mann hat sich aus dem Staub gemacht. Aber was soll’s. C’est la vie! Eigentlich bin ich froh, dass er weg ist. Der hatte sowieso keinen Humor. Und ist ja schon so lang her. Da muss man nicht mehr heulen.“ Dabei lächelte sie mich an und wischte mit einer schnellen, verstohlenen Handbewegung eine Träne weg.

Ich bereue nichts, nur die Sünden die ich nicht begangen habe!

      Dann trug sie mir die verschiedensten Texte und Gedichte vor, gestikulierte wie wild mit den Armen, dass ich fürchtete, sie würde jeden Moment aus dem Bett fallen. „ Mädchen, ich hatte so viel Spaß im Leben! La dolce Vita! Das könnt ihr jungen Dinger gar nicht mehr so haben wie ich. Die ganze Welt hab ich gesehen. Was hatte ich für wunderbare Menschen um mich. Ich bereue nichts! Nur die Sünden, die ich nicht begangen habe.“ Darauf folgte ein ungestümes, raues, kehliges Lachen, das den ganzen Raum erzittern ließ.

Jetzt wollte sie den letzten Weg genau so gehen, wie sie es gewöhnt war. Im Rampenlicht. Mit großer Inszenierung und gehörigem Tamtam! Wir genossen ihre Geschichten, die sie unermüdlich zum Besten gab. Sie wollte auf gar keinen Fall sterben und fand, es sei mit 94 Jahren allemal eine Frechheit  und viel zu früh. Manchmal schimpfte sie mit Gott, dann  wieder rezitierte sie die Bibel, wie ein Bühnenstück. „Wäre der Tod nicht, es würde keiner das Leben schätzen, mein Liebchen, man hätte vielleicht nicht mal einen Namen dafür.“ Da hatte sie verdammt recht. „Dass alles einmal vergeht, weiß man schon in der Jugend. Aber wie schnell alles vergeht, das kapiert man erst im Alter. Es ist ein Jammer, aber auch gut so. Liebchen, stellen Sie sich nur mal vor, wenn das ewig so weiter geht. Lauter so alte Schachteln wie ich. Wäre bald kein Platz für Neues mehr. Das hat schon alles seinen Sinn, da muss man nicht meckern wie eine alte Ziege. Bringt doch nichts. Aber schön ist das Alter nicht. Und diese elenden Falten. Alleine das Wort –Krähenfüße– ! Was für eine Frechheit, wer hat sich das denn ausgedacht?“

      Schrille und bunte Gestalten gaben sich die Klinke in die Hand und sie begrüßte jeden mit ihrem gellenden Gelächter und einem feisten Spruch. So auch für ihre langjährige Freundin Maximiliane: „Liebchen, du hast ja zugenommen! Oder bist du jetzt in dem Alter, wo man ein paar Kilo mehr braucht, um die Haut zu straffen?“  „Na hör mal, was denkst du denn. Ich habe mich nur ein wenig weiterentwickelt!“ Ungestümes Lachen, herzliche Umarmung.

Sie hatte zum Sterben eingeladen.

        Gestorben ist sie so, wie sie es sich gewünscht hatte, umringt von Freunden, Hospizhelfern und Pflegepersonal, denn sie hatte „zum Sterben eingeladen“. Als sie merkte, dass es jetzt soweit war, ließ sie es uns alle wissen und drapierte sich dramatisch in ihr Bett. Dann schloss sie ihre Augen mit einem trotzigen „Ich bin dann mal tot“, machte noch einige tiefe rasselnde Atemzüge und hörte tatsächlich kurz darauf einfach auf zu leben. Einfach so! Unglaublich. Ein kleiner Verdacht keimte in mir auf. Ob sie sich gewünscht hätte, dass wir applaudieren? Aber das fand ich nun doch despektierlich.

„Weck mal die Oma auf. Die Frau von der Sterbehilfe ist da!“

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Wer hätte das gedacht. Da bin ich doch aufgrund eines so kleinen Virus tatsächlich arbeitslos als Sterbebegleiterin. Der Besuch meiner Begleitung ist momentan aus den bekannten Gründen nicht erlaubt. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Wohlgemerkt, ich bin Sterbebegleiterin nicht Sterbehelferin.

Es gibt einen feinen, kleinen Unterschied zwischen Sterbehelfer und Sterbebegleiter.

Gut zu erkennen, allein an dem Worten: Helfer und Begleiter. Sterbehilfe ist bei uns in Deutschland definitiv verboten und überhaupt nicht im Sinne der Hospizbewegung. Ich darf weder jemanden von der Brücke schubsen, vor den Zug werfen, noch Tabletten eingeben, um zu helfen, sein Leben zu beenden. Dafür komme ich ganz klar in den Knast.

Natürlich weiß ich, dass es nicht in dem Sinne gemeint ist, wie es sich anhört, aber, selbst auf die Gefahr hin, dass ich zur Spezies der Erbsenzähler gehöre. Mir ist es wichtig, meine Aufgabe in der korrekten Wortkategorie zu finden.

Die besten Geschichten schreibt das Leben.

Vor einiger Zeit kam ich zu einer neuen Begleitung. Eine alte Dame, die zu Hause und von Ihrer Familie betreut wurde. Als ich dort zum ersten Mal an der Türe klingelte, öffnete mir eine Frau mittleren Alters. Klein, rosa gefärbtes Haar, trockenen Lippen und wässrige Augen. In der einen Hand das Handy, in der anderen eine Zigarette.

„Guten Tag, ich bin Petra Frey, vom Hospizverein. Sie hatten angerufen.“ „Ja genau, Frau Mey, Ihr Verein hat gesagt das Sie heute kommen.“

Ok, die erste Vorstellungsrunde hatte ich wohl verloren. Um meinen korrekten Namen ging es hier ja sowie so nicht. Soweit so gut.

Daraufhin schrie sie laut in den hinteren Teil der Wohnung: „Karl Heinz tu ma die Oma aufwecken die Frau von der Sterbehilfe ist da! Möchten Sie nen Kaffee. Oder dürfen Sie im Dienst nichts trinken?“

Offensichtlich hatte die Dame zu viel der Sorte Krimis konsumiert, bei denen der Kommisar alkoholische Getränken mit dem Spruch: „Nein Danke, im Dienst trinke ich nicht“ ablehnt.

Damit ich dem Klischee des trockenen Kaffeeholikers entginge, hörte ich mich sagen: „Doch sehr gerne. Danke. Kaffee.“ Sie freute sich ganz offensichtlich, meine Koffeinsucht erkannt zu haben „Setzen Sie sich doch. Tschuldigung wie es hier aussieht, aber ich komm zu nix. Wegen Oma.“ Sie deutete auf das hintere Zimmer am Ende des Flurs. Schon brüllte sie wieder nach hinten: „Karl Heinz, jetzt weck doch mal die Oma auf! Die Frau Mey von die Sterbehilfe is da und will mit ihr reden!“

„Bitte lassen Sie Ihre Mutter ruhig schlafen, Sie müssen Sie nicht extra aufwecken. Ich kann gerne noch etwas warten oder komme zu einem anderen Zeitpunkt. Und übrigens ich bin nicht von der Sterbehilfe, sondern …“ „Karl Heinz, kannst die Oma schlafen lassen, Frau Mey, kann auch ohne die Oma“ „Entschuldigung, mein Name ist Frey“ „Sag ich doch. So wie der Sänger mit den – über den Wolken- Ach Wolken, Himmel und so. Wissen se, die Oma wollte keinen Pfarrer. Sie hat gesagt, dass ihr so ein Pfaffenkopf nicht ans Bett kommt. Sind se in die Kirche? Na, die Oma konnte nich so gut mit die Kirche. Und da hat mir die Nachbarin, die Trudi, erzählt, dass bei Ihrem Karli auch immer jemand von den Sterbehelferverein gekommen ist. Und dass das nix gekostet hat. Find ich ja schon toll, wenn das nix kostet“

Sterbehilfe kostet nix, oder?

„Ja da haben Sie recht, was die Kosten betrifft. Aber vorher wollte ich noch die Sache mit dem Sterbehelferverein klären…“ Schon schrie sie wieder in das hintere Zimmer. „Karl Heinz, das stimmt, was die Trudi sagt. Die Frau Mey ist kostenlos! Jetzt komm doch mal und schalt den Fernseher aus. Geht doch um Oma.“

Jetzt kam Karl Heinz. Missgelaunt, schlurfend setzte er sich endlich zu uns. Ganz ehrlich, bei manchen Menschen stelle ich mir die Frage: Was will mir die Natur damit sagen. Karl Heinz war so einer.

Jetzt redet die Oma …

Da ertönte im Hintergrund die verschlafene Stimme von Oma. Die arme Frau wurde sicher durch das Geplärr aufgeweckt. „Ilse, wer ist denn da? Nicht der Pfarrer! Der will eh nur dass ich was spende. Und dann kommt der auch noch zum Leichenschmaus.“

„Ne nicht der Pfarrer.“

Kurz darauf, etwas wacher, schimpfte sie aus ihrem Zimmer: „Und den Onkel Franz will ich auch nicht sehen. Der wartet nur auf sein Erbe. Aber der kriegt nix. Den hab ich enterbt! Keinen Penny kriegt der!“

„Ne Mutti“, ruft Karl Heinz jetzt mit fachmännischer Kenntnis zurück, „die Frau Mey vom Hospiz.“

Ich staunte. Das Wort Hospiz hatte ich nicht von Karl Heinz erwartet. Jetzt hoffte ich doch noch auf eine richtige Bezeichnung meines Ehrenamts.

„Vom Hospiz? Was denn für ein Hospiz?“ fragte Oma zurück.

Karl Heinz lief zur Hochform auf und wollte sichtlich noch eins draufsetzen. Endlich konnte er zeigen, wie gut er aufgepasst hatte: „Ach, Oma. Hab ich dir doch erzählt. Der Sterbeverein. Der von der Trudi, und dem Karli. Für dich ist jetzt auch die Frau von der Sterbehilfe da.“

Kurze nachdenkliche Pause vom hinteren Zimmer. Energisch entschied Oma: „Die von der Sterbehilfe? Gut, die darf reinkommen“