„Jetzt nehmen sie doch die Maske ab! Ich sterbe ja sowieso.“

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Das ist mal eine klare Ansage, wie ich finde. Zugegebenermaßen etwas verlockend, denn die kratzige Maske nervt. Auch erschwert sie mir meinen Vortrag, denn ich bin gerade dabei, einer meiner liebsten Weihnachtsgeschichten zum Besten zu geben. Mit kräftiger Stimme manövriere ich mich durch die humorvolle Erzählung und kämpfe mit einer gewissen Mundtrockenheit, hervorgerufen durch die laute Plärrerei.

Es ginge normalerweise etwas gefühlvoller und in feiner Erzählstimme.

In Zeiten von Corona muss ich mir aber anders behelfen und etwas mehr Druck geben, damit mein ohnehin etwas schwerhöriges Gegenüber wenigstens ein klein wenig Weihnachtsstimmung erhaschen kann. Irgendwie komme ich mir auch ziemlich blöd vor, weil ich meine Begleitung so „anschreien“ muss und mehr mit den Händen gestikuliere als sonst.

Aber es hilft ja nichts…

Zugegeben, es strengt mich an, aber nachdem ich aktuell auf der Bühne meine Phonetik nicht anwenden kann, sehe ich es als gewisse Übung. Ok, ich rede es mir gerade schön zugegeben, aber es tröstet mich darüber hinweg, dass ich mit halbverdecktem Gesicht und im Brüllmodus einem kranken Menschen gegenübersitze, dessen Weihnachten wohl das Letzte sein wird.

Trotzdem behält sie ihren feinen Humor und beschwert sich lächelnd:“ Dieser Coronavirus ist das erste „Made in China Zeug“, dass nicht nach drei Wochen kaputt geht. Wissen Sie, es macht mir wirklich nichts aus, wenn Sie keine Maske aufhaben. Jetzt tun Sie doch das Ding runter.“

Jetzt bin ich in der Zwickmühle!

„Es gibt aber eine Maskenpflicht und die möchte ich auf jeden Fall einhalten. Außerdem möchte ich Sie nicht unwissentlich anstecken und in Gefahr bringen, an diesem Virus zu erkranken. Deswegen ist es mir lieber, den Mund-Nasen-Schutz zu tragen.“ Meine Verteidigung findet wenig Anklang. „Aber Frau Frey, es ist doch egal, woran ich sterbe. Viel Zeit bleibt mir eh nicht mehr. Dann ist es eben der Virus, oder?“

Grundsätzlich versuche ich gute Laune zu verbreiten, keine Angst zu machen, meine Begleitungen zu unterstützen und keine großen Diskussionen vom Zaun zu brechen.

Dieses Mal muss ich aber über meinen Schatten springen und meine liebe alte Dame, sie ist 89, eines Besseren belehren.

„Ich habe großen Respekt vor dem Leben und ich wünsche Ihnen und mir einen ruhigen und würdevollen Tod. Vielleicht dürfen wir ja friedlich in unserem Bett einschlafen, ohne große Schmerzen und Qual. Es könnte auch sein, dass sich der Sterbeprozess, so wie er normalerweise stattfindet, etwas hinauszögert und wir unsere liebsten Menschen händchenhaltend verabschieden. Voller Liebe und Nähe, mit guten Wünschen und zärtlichen letzten Worten. Wenn es schon sein muss, dann wünsche ich mir das.“

Sie sieht mich mit großen Augen an.

„Aber wenn Sie an diesem Virus erkranken, dann sterben Sie isoliert, ohne Kontakt mit anderen, umgeben von einem fremden Pflegepersonal, dessen Gesicht Sie nie sehen werden. Eine grausame Atemnot zwingt Sie an einem Apparat, der Ihre Sauerstoffzufuhr regelt und sie bäuchlings vermutlich als einer der Letzten Dinge in Ihrem Leben, den sterilen Klinikboden sehen.

Das wünsche ich Ihnen, mir und sonst niemanden. Und genau deswegen werde ich die Maske nicht abnehmen!“

Wer zuerst lacht, lacht am besten!
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Auch wer gesund stirbt, ist trotzdem tot.

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Wer gerne mit mir lachte, war Herr Fritz, 85 Jahre. Ich betreute ihn ambulant, besuchte ihn regelmäßig in seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. Sein ganzer Stolz waren seine Kinder und Enkelkinder. Überall hingen Familienfotos und selbstgemalte Bildchen als Zeugen eines intakten Lebens.

„Ich verlasse diese Wohnung nur liegend und mit den Füßen voraus.“

Das war sein Lieblingsspruch. Was heißen sollte, dass er sein Zuhause nur dann verlassen hätte, wenn er gestorben wäre. Er hatte Lungenkrebs und sollte eine Chemotherapie bekommen, die er strikt verweigerte. Auch davon, dass er das Rauchen aufgeben sollte, hielt er nichts. Auf meine kleine, freundliche Stichelei: „Und was macht die Raucherei?“, blinzelte er mich mit funkelnden Augen an und konterte mit dem Spruch: “Stellen Sie sich vor, ich habe doch tatsächlich heute in der Zeitung gelesen, dass auch Nichtraucher sterben. Der Helmut Schmid, der Ex-Kanzler, ist der berühmteste Kettenraucher, den ich kenne und der ist 96 Jahre alt geworden. Der hat auch nicht auf seine Ärzte gehört und das war gut so. Sonst wär der schon viel früher in die Kiste gesprungen. Ne, da fang ich doch jetzt nicht mit dem Aufhören an.“

Insgeheim wussten er und ich, dass zu diesem Zeitpunkt der Erkrankung ein Verzicht auf die geliebten Glimmstängel nichts mehr wesentlich verbessert hätte.

Und so blieb er der unverbesserliche aber zufriedene Kettenraucher. In seinem Nachttisch sammelten sich Verdampfer und Akkus für die E-Zigarette, mit den dazugehörigen Aromen in den verschiedensten Geschmacksrichtungen. „Ich habe schon so viel über die bösen Auswirkungen von Rauchen, Trinken und ungesundem Essen gelesen. Jetzt habe ich aufgehört das zu lesen! Auch wenn man gesund stirbt, ist man trotzdem tot!“ Gegen so eine  Logik kam ich definitiv nicht an.

 Charmant blieb er immer und scherzte gerne. Auf meine Nachfrage, ob ich seine hoffnungslos verdorrte Zimmerpflanze entsorgen soll, antwortete er mir schlagfertig: „Die ist nicht vertrocknet. Die wächst knusprig!“ Das Schicksal der Trockenblume wurde mit einem Augenzwinkern besiegelt und ich durfte sie der Mülltonne übergeben.

Mit seiner Schwiegermutter wollte er auf keinen Fall etwas zu tun haben.

„Ich möchte auf keinen Fall in das Grab meiner Schwiegermutter. Diese Frau hat mich einfach nie leiden können. Die hat ständig gegen mich gewettert. Ach, was hatte ich Ärger mit dieser ollen Schachtel. Und sie war unglaublich fett. Mein Gott war die fett!“ Er grinste: „Aber jetzt hat sie ihr Idealgewicht.“ „Ähm, wie, ich verstehe nicht?“, fragte ich ihn. „3,20 kg inklusive Urne“, und darauf lachte er so schallend, dass ich nicht anders konnte als mitzulachen.

Da war ich eben mal sprachlos …

Lesezeit 2 Minuten

…und, das ist bei mir schon etwas unüblich. Normalerweise bin ich bemüht, meine 16 000 Wörter, die Frauen laut Statistik täglich verbrauchen, meiner Umwelt nicht vorzuenthalten.

Grund für meine spontane Sprachlosigkeit war mein aktueller Einsatz im Seniorenheim. Gräfin von Funkenstein, 90 Jahre, geistig sehr fit und außerordentlich redegewandt. Körperlich ist sie leider nicht mehr in der Lage, das Bett zu verlassen und ihrer Situation hilflos ausgeliefert.

„Sie ist etwas schwierig, eigenwillig und hat die Absicht geäußert, in die Schweiz zu fahren. Du weißt schon. Sterbehilfe.“, meinte meine Koordinatorin vor meinem erstem Einsatz.

Das war für mich schon eine Herausforderung!

So vorbehaltlos wie möglich ging ich in das Gespräch. Allerdings kann ich nicht behaupten, dass ich dieses Mal nicht froh gewesen wäre, das man mir die Anspannung aufgrund des Mund-Nasen-Schutzes nicht ansehen konnte. Ich war nervös. Deutlich spürte ich, dass mein Gegenüber viel von mir erwartete und ich dem unter Umständen nicht standhalten konnte.

„Also einfache, banale Küchengespräche mag ich gar nicht. Wenn Sie zu mir kommen, möchte ich nicht das meine Zeit verplempert wird. Immerhin habe ich davon kein unbegrenztes Reservoir.“

Sie redet nicht um den heißen Brei.

Gut so, dass gefällt mir. Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin. Ich konzentrierte mich auf das was ich einmal in meiner Ausbildung zur Hospizbegleitung gelernt hatte. Beobachten, zuhören und gut überlegen wie der nächste Schritt sein könnte. Einge betagte Senioren kommen gerne gleich auf den Punkt einer Sache, sind manchmal ungeduldig oder auch etwas sturr. Alles Eigenschaften die ich sehr gut nachvollziehen kann, wenn man bedenkt wieviel sie teilweise schon durchgemacht haben.

Okay, jetzt liegt es an mir den Ball zurückzugeben.

Ich versuchte, heraus zu finden, was ihre Vorlieben sind, welche Musik sie gerne hört und wie ihr Leben früher vor der Krankheit ausgesehen hatte. Ganz vorsichtig, um nicht wie ein Elefant durch ihr Leben zu trampeln.

Und dann? Bingo!

Sie mag Theater, Kunst und ist ein Fan von Lena Christ. Auch ich habe sehr viel über diese Schriftstellerin gelesen und wir kamen ganz schnell in ein wirklich anregendes Gespräch. Die Zeit verflog und mit ihr meinen Unsicherheit und Bedenken.

„Liebe Frau Frey, das Gespräch mit Ihnen hat mir so gut getan. Es war so schön, wie wir uns unterhalten haben. Ich fühle mich jetzt viel besser! Danke!“

Kein Todeswunsch, keine traurige Stimme und Zuversicht in Ihren Worten.

Da wusste ich wieder, warum ich dieses Ehrenamt mache. Es ist so ein wunderbares Gefühl, gerade in schweren Zeit für andere da zu sein. Einfach so. Mit einem Gespräch, einem Lächeln, einer kleinen Geste. Ich bin herzlich willkommen und es ist eine wunderbare Aufgabe, Wertvolles für einen anderen Menschen zu leisten.

Diese Frau hatte vor ein paar Wochen noch den Wunsch zu sterben. Sie fühlte sich einsam, verlassen und alt. Mit wenigen Besuchen und kurzen Telefonaten, sieht sie sich jetzt nicht mehr verloren, hat neuen Mut gesammelt. Und ich dürfte als ein kleines Rädchen mitdrehen.

Meine Überzeugung ist es, dass jeder von uns einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, damit andere Menschen sich besser fühlen. Einfache Dinge. Ohne großem Aufwand.

Wenn Sie sich etwas umsehen, finden Sie sicher jemanden, der um ein paar freundliche Worte dankbar ist, sich über etwas Hilfe freut und vielleicht dadurch wieder mehr Vertrauen in das Leben hat. Gerade in dieser schwierigen Zeit, wo wir oft sehr mit uns selbst beschäftigt sind, möchte ich Sie ermuntern, sich etwas bewusster umzuschauen.

Vertrauen Sie mir, es tut einfach wirklich gut, gutes zu tun. Versprochen!

Friedhof? Von wegen unbeobachtet…

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Wenn Sie denken, am Friedhof haben Sie Ihre Ruhe, dann haben Sie leider falsch gedacht. Das Internet mischt auch dort schon ordentlich mit, und das moderne digitale Zeitalter findet hier seinen Platz. Alles muss schneller, unkomplizierter sein, da macht auch die letzte Ruhestätte keine Ausnahme.

Mit einem Klick zum Grab.

In Wien bieten Friedhöfe bereits einen Onlineshop für Grabstätten an. Am Eingangstor kann der Besucher sich ein E-Bike ausleihen und vermehrt sind dort auch künftig Cafes geplant .

Onlinemeeting in der Aussegnungshalle?

In Österreich kann man außerdem einer Trauerfeier via Internet beiwohnen, für den Fall, dass entfernt wohnende Verwandte an der Zeremonie nicht teilnehmen können. Ein Leichnam muss spätestens nach 96 Stunden bestattet werden. Folglich könnte es für die Hinterbliebenen, die in anderen Ländern wohnen, schon mal schwierig werden, die Aussegnungshalle zu besuchen. Aber die Webcam macht‘s möglich. Mit Hilfe der modernen Technik kann der Enkel in Australien live die Trauerrede des Pastors und die gesamte Zeremonie miterleben. Ja, wir leben in einem vernetzten Zeitalter und da ist es legitim, denen, die nicht vor Ort sein können, ein Bild vom Grab der geliebten Oma zu schicken.

Keiner muss mehr lange nach dem Grab suchen.

Mittlerweile gibt es tatsächlich schon flächendeckendes WLAN und die Suche nach dem Grab per GPS. Videodrohnen erlauben selbst weit entfernten Verwandten einen regelmäßigen Blick auf das Grab.

So recht weiß ich nicht, was ich davon halten soll, wenn ich mir vorstelle, dass ich bei meinem nächstem Friedhofsbesuch von Drohnen begleitet werde und eventuell mein Neffe in Frankreich beobachten kann, ob ich modisch up to date bin. Meistens schleppe ich Blumen und Erde an das Grab, hacke verschwitzt Unkraut und trabe mit hochrotem Kopf fünfmal zum Friedhofsbrunnen, um die Gießkanne aufzufüllen. Kein schöner Anblick. Aber da muss der Neffe durch, wenn er sich online einloggt.

Big Brother is watching you…

Wie bitte? Nonverbale Kommunikation?

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Diese besondere Zeit hat auch eine neue weitere Herausforderung. Die Frage: „Welche Maske trage ich heute?“

Zu meinem eigenen Erstaunen ist mir das neulich tatsächlich passiert. Als ich mich auf den Weg zu meiner Begleitung gemacht habe, überlegte ich ernsthaft, welche Maske ich tragen sollte. Immerhin zählt der erste Eindruck. Und ich wollte überzeugen, zeigen, dass ich eine fähige Hospizhelferin bin. Einerseits wollte ich Vertrauen erwecken, andererseits auch Kompetenz. Aber sollte da der Griff zur medizinischen Fachmaske mit fantasielosem hellblau und weißem Gummiband der richtige sein? Oder doch eher die fröhliche, die selbst genähte, mit den bunten Herzchen? Möchte ich kompetent erscheinen oder eher privat verspielt?

Es gibt immerhin die unterschiedlichsten Arten von Masken, der Art und Weise sie zu tragen.

Und schon bin ich mittendrin im Mainstream.

Mit meinem Äußerem eine Meinung zu beeinflussen und mich ins rechte Licht zu stellen. Hoffte ich zumindest. Tja, auch wenn das Gesicht fast ganz bedeckt ist, hat man doch etwas zu sagen, möchte sich ausdrücken. Gerade in der Begleitung eines Schwerstkranken versuche ich alles so gut wie möglich zu machen.

Wenn ich die andere Menschen beobachte, dann denke ich schon, dass sich vieles an der Art und Weise wie eine Maske getragen ablesen lässt. In meiner Ausbildung zur Hospizhelferin habe ich nonverbale Kommunikation erlernt. Sehr oft kann sich mein Gegenüber nur schwer oder gar nicht mehr mitteilen. Es ist an mir, die kleinsten Hinweise zu erkennen und damit in eine ungewöhnliche Kommunikation zu starten. Ich wurde darauf geschult, auf Körperhaltung zu achten, die kleinsten Bewegungen wahrzunehmen und den winzigsten Wimpernschlag zu registrieren. Es gibt viel zu entdecken, auch wenn wir nur einem ganz kleinen Teil unsere Aufmerksamkeit schenken können.

Ich finde, es ist eine Chance, meine Mitmenschen genauer wahrzunehmen

Gut hinzusehen, beobachten und mich auf die wenigen Dinge, die ich zu sehen bekomme, zu konzentrieren.

Viele möchten anders sein, individuell und unterschiedlich.

Doch zeigt der Mund-Nasen-Schutz , dass wir alle gleich sind. Trotzdem möchten wir das nicht, und haben unsere eigenen Regeln wie wir unser Gesicht bedecken.

Ob wir uns nun für die geblümten, mit Straß verzierten oder medizinisch korrekten Masken entscheiden. Sie zeigen doch sehr viel, obwohl man nichts sieht.

Schauen Sie genauer hin…

… und schon sind Sie mittendrin, in der nonverbalen Kommunikation. Das kann sehr spannend sein.

Die Suche nach der richtigen Maske hat mich auf die unterschiedlichsten Gedanken kommen lassen und ein wenig war ich bei meinem ersten Besuch unsicher. Entschieden hatte mich zu guter Letzt für die Geblümte. Vermutlich hatte die Dame bei ihrem letzten Klinikaufenthalt mehr als genug medizinisch vermummte Gesichter gesehen.

Als wir uns begrüßten, rief sie mir schon von Weitem zu: „Was für eine hübsche Maske, aber die können sie ruhig abnehmen, ich sterbe ja sowieso die nächsten Tage!“

Das war definitiv keine nonverbale Kommunikation. Das war eine ganz klare Ansage. Und leider behielt sie recht …

Wir müssen mal darüber reden…

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Selbst wenn einige es nicht für möglich halten. Es wird weiterhin gestorben. Nicht nur in Corona Zeiten, nicht nur in den täglichen News. Auch nebenan, in unserer unmittelbaren Umgebung.

Ok, mir macht der Gedanke auch keinen Spaß, aber den Kopf in den Sand zu stecken, ist ja keine Lösung.

Meine aktuelle Begleitung, Herr Sommer, ist heute verstorben. Gestern ein sehr guter Freund von mir. Bei meinem Hospizeinsatz war es abzusehen, Owohl ich dachte, dass wir noch etwas mehr Zeit hätten. Mein lieber Freund verstarb absolut plötzlich und ohne Vorwarnung. Er ist einfach umgefallen und war sofort tot. Viel zu früh, viel zu unerwartet, viel zu jung.

Nicht nur die Art des Sterbens war in beiden Fällen unterschiedlich, auch der Umgang mit dem Thema Tod.

Einen Vorsprung, was die Gespräche über Bestattung und Trauerfeierlichkeit angeht, hatte eindeutig Herr Sommer. Diese Chance hatte die Familie meines Freundes nicht. Sie stehen nun völlig ratlos da und müssen innerhalb kürzester Zeit viele Entscheidungen fällen.

Tun Sie das Ihren Hinterbliebenen nicht an. Kümmern Sie sich um notwendige Papiere, sprechen mit Ihren Partnern und Kindern. Seien Sie mutig!

Ob Sie schon auf die Zielgerade einbiegen oder sich noch voll im Leben befinden, egal.

Es ist nur fair gegenüber Ihren Angehörigen. Damit haben Sie die Möglichkeit, lieben Menschen die schwierige Herausforderung abzunehmen, wie Ihre Beisetzung auszusehen hat. Denn die meisten sind damit überfordert.

Wenn Sie Ihren eigenen Tod ignorieren und nichts planen, dann lassen Sie Ihre Angehörigen mit diesen vielen Fragen allein. Ihre Hinterbliebenen haben es verdient, dass sie vernünftig trauern dürfen. Sie sollen nicht genötigt werden, über die Farbe Ihres letzten Hemdes zu entscheiden zu müssen.

Außerdem, wenn Sie selbst darüber bestimmen, wie die Dekoration Ihrer letzten Ruhestätte auszusehen hat, dann haben Sie die volle Kostenkontrolle. Ein Bestatter ist ein selbstständiger Geschäftsmann und Verkäufer, er plant Ihre Beisetzung nicht aus purer Nächstenliebe.

Mit verheulten Augen verschwimmt da schon mal der Blick auf die Realität und zack, sind da ein paar Euro mehr auf der Rechnung.

Der Blumenschmuck wird dann zu üppig, der Sarg aus kostspieligem Gehölz und die Ausstattung aus feinstem Zwirn mit schicken Applikationen. Livemusik zur Bestattung, ein ehrfürchtiges Grabdenkmal und der Leichenschmaus vom Feinkostladen lassen das Girokonto dann endgültig explodieren. Und Ihre Angehörigen, die zu verantwortlichen Hinterbliebenen wurden, tragen die kostspieligen Konsequenzen, beziehungsweise die Rechnung.

Bei einer anderen Begleitung erlebte ich akkurat diese Situation und war erstaunt, wie wenig manche Ehepaare miteinander sprechen, wenn es um den Tod geht.

Kurz nachdem Karin Spitzeder ihren letzten Atemzug gemacht hatte, bat mich ihr Mann zu bleiben. Einen Anruf später beim Bestatter, saß ich im Wohnzimmer des Hinterbliebenen und die Planung ging schnurstracks und ohne Umwege los. Auf der einen Seite der kopflose Ehemann, frischer Witwer, mit tränenden Augen und voller Trauer, auf der anderen Seite der geschäftstüchtige Berater, bewaffnet mit Sargbroschüren, Ausstattungskatalogen und einer antrainierten, monotonen Wortakrobatik, die ständig vermitteln sollte, wie betroffen er ist. Ich bin mir sicher, er hätte einen ganz passablen Schauspieler abgegeben. In einer Totengräber Daily Soap auf jeden Fall.

Die eben verstorbene Frau, beinahe noch lauwarm im Nebenzimmer, wurde jetzt verbal eingekleidet, zugedeckt und ihre letzte Ruhe geplant. Immer die Kalkulation im Blick, ob es ein hohes, mittleres oder kleineres Budget werden soll. Obwohl vollkommen klar war, dass die Frau zum Sterben nach Hause gekommen war und die Krankheit seit vielen Monaten das Ende ankündigte, hatten beide trotz vierzigjähriger Ehegemeinschaft nie miteinander gesprochen, wie die Beerdigung auszusehen hat.

Machen Sie es besser!

Tun Sie nicht so, als wären Sie unsterblich. Übernehmen Sie Verantwortung. Und wenn Sie nichts entscheiden möchten? Auch gut. Dann sagen Sie es Ihren Angehörigen. Reden Sie miteinander. Denn totschweigen ist keine gute Lösung.

Ein kleiner Trick, wie Sie „unsterblich“ werden…

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Sie möchten wissen, wie es geht, das ewige Leben? Das ist leichter, als Sie jetzt vielleicht denken.

Geben Sie keinem Ihrer künftig Hinterbliebenen den Zugang zu Ihren Passwörtern. Scheren Sie sich einen feuchten Kehricht um Ihren digitalen Nachlass. Dann wird sich, zumindest in der Social Media Welt, nichts ändern. Alles bleibt wie es ist. Urlaubsbilder, persönliche Texte, Meinungen zu einer aktuellen Situation. Ob Sie Grün, Rot oder Gelb gedacht haben. Alles ist für die ganze Welt, auch nachdem Sie das Zeitliche gesegnet haben, auf ewig zu lesen.

Die digitale Welt dreht sich ganz selbstverständlich nach Ihrem Tod weiter.

Es interessiert Herrn Zuckerberg nicht im Geringsten, ob Sie persönlich am PC sitzen oder mit dem schwarzen Kombi in der horizontalen Lage unterwegs sind. Wenn Sie gestorben sind, läuft Ihr Facebook-Account so oder so munter weiter.

Neulich hat mich Facebook daran erinnert, einem langjährig verstorbenen Freund, zum Geburtstag zu gratulieren. Von einer Jugendfreundin, die vor 5 Jahren mit dem Motorrad verunglückt ist, erhielt ich ein buntes, automatisch erstelltes Album unserer langjährigen Facebook-Freundschaft.

Als wäre nichts passiert, werden Erinnerungen oder Bilder gepostet, obwohl Sie schon lange die Blümchen von unten betrachten. Facebook hat da sein Eigenleben. Unabhängig davon, dass Sie bereits das Zeitliche gesegnet haben. Wenn keiner Bescheid gibt, geht das bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Schon irgendwie ein gruseliger Gedanke, oder?

 Wenn Sie das von sich nicht möchten, dann schreiben Sie alles auf und legen Sie Ihre digitalen Geheimnisse zu Ihrem Testament oder an einen anderen, sicheren Platz. Denken Sie daran Ihre Passwörter an einem vertrauten Menschen weiterzugeben, oder aufzuschreiben. Das gilt selbstverständlich für alle Passwörter, die sich im Leben ansammeln. Ob eBay-Account, Online- Banking oder der Zugang zu Ihren Mails.

Finden, sollte man Ihre Unterlagen allerdings schon.

Wenn Sie Ihre geheimen Daten zu gut verstecken, geht es Ihnen vielleicht wie meinem Onkel. Nach dem Ableben meiner Tante hatte er überhaupt keinen Plan, wo die wichtigen Notizen und Papiere sind. Monate später wurden nicht nur wir in der Garage fündig. Einige Mäuse hatten sich ebenfalls daran zu schaffen gemacht und so manche wichtige Urkunde war zum Nestbau verwendet worden.

„Wenn ich gestorben bin, gebe ich einem Freund die Erlaubnis meinen Facebook-Status auf : „Am chillen mit Jesus zu setzen.“ – unbekannt –

„Kann man sich da was holen?“

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Wenn ich von meiner Aufgabe erzähle, haben viele ein verzerrtes Bild von der Art und Weise, wie Sterbende sich am Ende verhalten. Hin und wieder glaube ich, die Frage meines Gegenübers zu erkennen: „Kann man sich da Krankheiten holen?“ „Ist das nicht schrecklich, einen Sterbenden zu sehen? Schon gruselig, oder?“ Da sehe ich förmlich dunkle Bilder auflodern, vom Grauen des Todes. Stöhnende, jammernde  Menschen, weinende Angehörige…

Wenn ich daran denke, was ich mir früher so ausgemalt habe! Keine zehn Pferde hätten mich in ein Sterbezimmer hineinbekommen. Ich dachte, dass es ganz schrecklich sein muss. Mir wurde als kleines Mädchen immer erzählt, dass der Tod grausam und gemein ist und wir bis zuletzt kämpfen müssen. Eine Bekannte meiner Eltern erzählte mir, dass sich ihre sterbende Großtante angeblich die Zunge abgebissen und mit dem Teufel gekämpft hat. Heute bin ich mir sicher, dass es nicht so war, aber als Kind hast du da keine Wahl.

Zerrbilder spuken in den Köpfen der Leute herum, wie der Tod auszusehen hat.

Wohl auch deswegen, weil die wenigsten Menschen tatsächlich mit dem Tod in Berührung kommen wollen.

Da entwickeln viele ihre eigenen Bilder, manipuliert von der Filmwelt, in denen der Held mit schmerzverzerrtem Gesicht letzte Anweisungen gibt. Der Hauptdarsteller röchelt langsam vor sich hin, während seine große Liebe ihre Tränen auf sein geschminktes Gesicht tropft. „Du musst kämpfen, halte durch! Bleib bei mir!“ Ein letzter Blick zur Geliebten und sein Kopf  sackt zur Seite…

Bei Harry Potter wird der Todesfluch „Avada Kedavra!“ ausgesprochen, was übersetzt soviel heißt wie „Sache verschwinde!“ Oh, wie passend… Das berühmte Gaunerpärchen Bonnie und Clyde geht gemeinsam sehr spektakulär über den Jordan (was in der normalen Sterbeabfolge recht selten ist). Und James Bond? Na ja, der ist eh unsterblich.

Aber da liegt doch keiner so unspektaulär im Krankenbett.

In der Fiktion gibt es nur hopp oder top, Sterben oder Held. In der Realität ist das eher selten. Da führt kein Weg daran vorbei, am Ende landen viele von uns im Krankenhaus.                      

Wenn ich Besuche im Hospiz mache, höre ich nicht selten, dass die Zeit in diesem wohlbehüteten Haus als besonders und wertvoll erlebt wird.

      Ein Patient sagte mir kurz vor seinem Tod: „Meine Lebensqualität als Sterbender ist jetzt besser als mein Leben als gesunder, aber gestresster Manager. Ich kann jetzt im Augenblick leben.“

      Auch meine Mutter sagte damals beim Einzug in das Hospiz zu mir:

„Ich wusste überhaupt gar nicht, dass es so etwas gibt!“

Wenn wir mitten im täglichen Leben stehen, meinen viele, dass wir die unterschiedlichsten  Dinge  benötigen, um uns zu freuen. Reisen, Klamotten, teure Autos, Schmuck und vieles mehr. Mir geht es da nicht anders.  Das liegt in der Natur der Sache, dass wir mehr möchten als wir ohnehin schon haben. Wir sind ehrgeizig und neugierig. Hätten wir diesen Instinkt nicht, dann säßen wir heute noch als Steinzeitmenschen in der Höhle und würden das Feuer hüten.

      Ich wünsche mir Dinge oder hoffe auf besondere Ereignisse, damit meine Welt noch glücklicher wird. Und schon gar nicht möchte ich etwas verpassen. Wenn ich dann wieder auf der Hospizstation bin und sehe mit welchen Kleinigkeiten Patienten oft überglücklich sind, wird mir bewusst, dass es mit viel weniger geht.

Es sind die einfachen Dinge, die eine ganz besondere Bedeutung bekommen, der Toilettengang, das selbstständiges Essen oder das  eigenständige Aufstehen. Für mich selbstverständlich, für viele  Kranke nicht mehr möglich.

Da wird mir wieder bewusst, wie gut es mir geht. Da verliert der ganze andere Kram an Wertigkeit.

Jeder möchte lange leben,aber keiner will alt werden. -Jonathan Swift-

Hospizhelfer? Nö, danke!

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Ganz ehrlich? Es gibt Sterbebegleitungen, die gehen mir direkt an die Nieren. Dramatische Konstellationen, besonders schwierige Umstände, ob in der Pflege oder in der Familie. Oder es passt die Chemie zwischen mir und meinem Gegenüber nicht. Dann muss ich leider passen…

Bei Herrn Graf war es nicht so, trotzdem ist es für mich eine ganz besondere Begleitung geworden. Ich wurde anders gefordert als sonst. Nämlich gar nicht. So ganz nach dem Zitat von Karl Valentin: „Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“

Ich war nicht unterfordert. Nein. Eher schlicht überflüssig.

Er ist ein sehr angenehmer Mensch und wir hatten bei meinem ersten Besuch keinerlei Schwierigkeiten uns auszutauschen. Trotz der Maske, die mir immer noch den direkten Weg zu meiner Begleitung erschwert. Ich habe auch den Trick noch nicht so raus, wie ich lächeln soll ohne, dass mir die Brille beschlägt. Aber selbst diese Hürde haben wir hervorragend gemeistert.

Schnell gab es ein gemeinsames Thema.

Herr Graf ist Aquarianer und auch ich habe ein Aquarium bei mir zu Hause im Wohnzimmer. „Frau Frey, wussten Sie, dass die Fische, die immer die Fensterscheiben putzen, außerhalb des Aquariums nicht funktionieren?“ scherzte er.

Er machte auf mich einen guten Eindruck, was seine körperliche Verfassung betraf und ich hoffte, dass ich ihn näher kennenlernen und begleiten durfte.

Aber es blieb nur bei diesem einem Besuch.

Wenige Tage später, als ich anrief, um einen neuen Termin zu vereinbaren, bekam ich eine liebevolle Absage.

„Frau Frey, ich kann Ihnen nur sagen, dass ich so wunderbar vom SAPV-Team versorgt werde, die Pflegekräfte sehr zuverlässig und freundlich sind und meine Kinder und Freunde kommen regelmäßig zu Besuch. Ich hatte zunächst Sorge, dass ich zu Hause meine Frau zu sehr beanspruchen würde. Das wir das alleine nicht schafften und ich nicht die notwendige Versorgung bekommen. Aber der Pflegedienst entlastet meine Hilde ausreichend und kommt immer sehr pünktlich. Dann dachte ich, dass sich meine Familie nicht an das Bett eines Sterbenden traut. Das habe ich bei meinem verstorbenen Freund so erlebt. Da hatten alle Hemmungen das Zimmer zu betreten, weil sie nicht wussten, wie man sich am Sterbebett verhalten sollte. Deswegen habe ich bei Ihren Hospizkreis angerufen, um niemanden zur Last zu fallen und mir Rat zu holen. Und ich hatte Angst, dass ich mit der ganzen Sterberei nicht zurechtkomme.“

Aber es kam ganz anders als erwartet.

„Ich danke Ihnen für Ihr Angebot, mich zu besuchen, aber ich denke, Ihre Hilfe und Fürsorge sollten Sie jemanden zukommen lassen, der es nötiger hat als ich. Es geht mir gut und ich werde einen guten Tod sterben.“

Wow, das ist wirklich großartig. Die medizinische Versorgung klappt, der Pflegedienst macht richtig gute Arbeit und die Familie und Freunde schaffen es, sich von Ihrem lieben Menschen gut zu verabschieden. Der Patient ist wohlbehütet, kann seinen letzten Weg mit Würde und in Frieden gehen.

So soll es sein. Das ist der Plan, und das Bestreben der Hospizbewegung. Und wir werden alles dafür tun, dass es noch vielen Menschen vergönnt ist, bis zu letzt gut versorgt zu sein. Ganz nach dem Spruch von Cicely Saunders…

Sterbende sind Lebende bis zuletzt.

„Zum Schluss nochmal kräftig die Arschbacken zusammenzwicken ?“

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Herrn Berger 91 Jahre, begleitete ich ambulant. Seine Frau war vor kurzem verstorben, und die Tochter pflegte ihn hingebungsvoll. Sie kümmerte sich rührend um ihren alten Herrn, der dem Ende bereits sehr nahe war.

Er wusste es. Sie wusste es.

“Wissen Sie, ich hatte ein gutes Leben, jetzt wird‘s Zeit. Ich bin so müde. Es ist schon in Ordnung, wenn ich bald zum Herrgott komme.“

     Sein Hausarzt, der ihn seit vielen Jahren behandelt hatte und seine körperliche Konstitution kannte, war allerdings dummerweise kurz vor dem herannahenden Tod seines Patienten verstorben.

Der Tod des Arztes sollte schlimme Folgen für ihn haben …

Ein junger Kollege übernahm den „Fall Berger“ und verschrieb ihm ein neues Medikament, um die bestehende Lungenentzündung in den Griff zu bekommen. Sicher hat er mit bestem ärztlichem Gewissen gehandelt, leider wusste er nicht, dass Herr Berger das Arzneimittel nicht vertrug. Die Tabletten verursachten bei ihm heftigen Durchfall.

     Der verstorbene langjährige Hausarzt hatte vor seinem eigenen Tod versäumt, einen entsprechenden Vermerk in den Patientenunterlagen einzutragen.  

Herr Berger quälte sich nun zusätzlich mit fürchterlichen Bauchschmerzen und Diarrhoe. Man kann sich sicher vorstellen, dass es für alle Beteiligten wahrlich kein Vergnügen war.

     Die Tochter wollte nur das Beste für Ihren Vater und erlaubte sich selbst nicht, das Medikament abzusetzen. Sie hoffte die Tabletten könnten das Schlimmste verhindern.

Jetzt wurde es ihm zu viel

Einen Tag später war noch immer keine Besserung in Sicht, als Herr Berger das Wort ergriff: „Sagen Sie mal, Herr Doktor, was bringen denn die Tabletten eigentlich? Mir tut schon der ganze Hintern weh?“

Der Arzt etwas zögerlich: „Vielleicht drei, vier Wochen länger.“

„Und dafür die ganze Sauerei?“

„Wenn Sie die Tabletten absetzen, dann wird die Lungenentzündung schlimmer und es könnte weniger Zeit für Sie bleiben.“

„Na, dann nehmen Sie die Tabletten aber schnell zurück. Geben Sie die mal jemanden, der noch die Arschbacken ordentlich zusammen zwicken kann. Auch wenn ich dadurch schneller beim Herrgott bin. Egal. Ich möchte nicht mit vollgeschissenen Hosen vor ihm stehen.“