Sommer im Glas

Es ist ein heißer Tag, schwül und drückend, wie so viele in diesem Sommer, als ich meine liebe alte Dame in ihrem Zuhause besuche. Wir beide schwitzten vor uns dahin, trinken kühles Limo und plaudern gemütlich über das, was Frauen eben so reden. Mit zwei Fächern wedeln wir uns kühle Luft zu. Eigentlich kann man meinen, dass es ein ganz gewöhnliches Treffen ist.

Ganz normal. Eigentlich. Doch so ganz und gar nicht normal ist der Schlauch, der zu ihrer Nase führt. Jeweils rechts und links stecken in den Nasenlöchern kleine Pfropfen die unablässig Wasserdampf abgeben, der ihr das Atmen erleichtern soll.

Sie kann die Wohnung nicht mehr verlassen, weil Ihr der anstrengende Kampf um die kleinen, hektischen Atemzüge die Kraft raubt. Der Schlauch ist fest verbunden mit einem missgelaunten Kasten, der nebenan im Schlafzimmer steht. Mein Aquarium bei mir zu Hause gibt ähnliche Geräusche von sich. Ziemlich nervig. Wenn mich in meinem Wohnzimmer die Pumpe des Sauerstoffgeräts ärgert, dann stelle ich sie für ein paar Stunden ab.

Hier im Haus meiner lieben Dame würde es denn sicheren Erstickungstod auslösen. Ein kleiner panischer Gedanke taucht in mir auf. Was wäre wenn der Strom ausfällt? Gibt es ein Ersatzgerät mit Batterie? Keine Ahnung, ich will hier keine schlafenden Hunde wecken. Da wird schon dafür gesorgt sein, denke ich jedenfalls. Also bestenfalls.

Was solls. Ich werde meine Einsatzleitung um Information bitten wenn ich von diesem Besuch nach Hause fahre. Sicherheitshalber.

Nichtsdestotrotz genießen wir gemeinsam einen Joghurt den ich mit meiner selbst gemachten Erdbeermarmelade aufgemotzt habe und philosophieren über den wunderbaren Geschmack der süßen Köstlichkeit. Meine liebe Dame kommentiert jeden Löffel mit einem wohlwollenden Schmatzer und ich freue mich, das sie trotz Ihrer schweren Krankheit so gute Laune hat. Na ja und Klasse ist es auch, dass meine erste selbstgemachte Marmelade anscheinend gut gelungen ist. Was bei meinen Kochkünsten keine Selbstverständlichkeit ist. Mein letzter Versuch, Früchte und Gelantine in einen harmonischen Einklang zu bringen hätte als ganz passabler Türstopper verwendet werden können.

„Dieser Sommer ist ein ganz besonderer Sommer, denn es wird mein letzter sein. Und dieser Sommer wird auch ihr letzter sein.“

Erstaunt sehe ich sie an. Ok, ich habe mir heute nur kurze Mühe mit dem Make-up gegeben, und zugegeben in der vorhergehende Nacht habe ich wegen der Hitze wenig geschlafen. Aber sehe ich wirklich so schlecht aus? Etwas blass vielleicht. Oder habe ich Todesmerkmale an mir die nur eine Schwerstkranke sehen kann? Verunsichert krame ich in meiner Handtasche nach einem rotem Lippenstift. Der könnte erste Hilfe leisten.

Nach einem kurzem intensivem Zug an ihrem Sauerstoffschlauch klärt sie mich auf: „ Dieser Sommer begegnet ihnen nur ein einziges Mal. Es ist der Sommer den sie in ihrem heutigen Lebensalter erleben. Im nächsten Jahr werden sie ihm anders begegnen und dieser hier wird vergangen, gestorben sein. Aber er beschenkt uns mit Erinnerung. Alles was sie mit ihm erleben, womit er uns beschenkt, wird fortbestehen. Als Memento. Wie dieses Glas Erdbeermarmelade. Hüten sie diese Erinnerung wie einen Schatz. Wenn sie dieses Töpfchen mit der köstlichen Erdbeermarmelade öffnen, wissen sie wieder, wie sich ein sonniger Tag im August anfühlt. Wie angenehm die Felder duften, die Vögel ihr Lied zwitschern und fühlen wieder wie sie im kühlem See schwimmen. Alles was diesen Sommer ausmacht, ist die Erinnerung daran und der Geschmack der selbst gemachten Marmelade. Und darauf können wir vertrauen, dass nach jedem Winter wieder ein Sommer kommt. Also, sie können darauf vertrauen …“

Neue Begleitung

Meine aktuelle Begleitung ist eine sehr liebe alte Dame und ich besuche sie einmal in der Woche für 2-3 Stunden. Leider hat sie eine schwere Erkrankung und kann das Haus nicht verlassen.
Wir quatschen dann über alles Mögliche, trinken Tee miteinander und ich denke, es gelingt mir sie etwas abzulenken.
Heute beschwerte sie sich über das Fernsehprogramm. Über die ewigen Wiederholungen und das nur „Mord und Totschlag“ zu sehen sei.
Dann zwinkerte sie mir zu und lachte mich an. „Das sind so olle Filme. Da spielen ja noch die Berühmtheiten aus meiner Jugendzeit mit. Die sind ja heute alle schon tot. So was. Alles Tote die da im Fernsehen spielen …

Einleitung – Leseprobe

Niemand stirbt auf dieselbe Weise, jeder stirbt seinen eigenen Tod. Einigen gelingt es, sich vorzubereiten, andere wiederum trifft das Ende plötzlich und ohne Vorwarnung.

Als Hospizbegleiterin begegne ich den verschiedenen Seiten des Sterbens, erlebe Vorbereitungen für die unbekannte Reise und manchmal werden mir auch die letzten Worte anvertraut. Es sind kostbare, oft schlichte Worte, denn viel Zeit bleibt am Ende nicht mehr und Dinge werden direkt, unverblümt angesprochen. Menschen die auf ihr Leben zurückblicken erzählen offen, klar und ohne Umschweife.

In diesem Buch habe ich die wertvolle Momente in meiner Sterbebegleitung zusammengetragen, damit diese berührenden Biografien und humorvollen Anekdoten nicht verloren gehen. Wir haben zusammen gelacht und geweint, gelernt den Tod anzunehmen und dadurch eine neue Lebensqualität entdeckt. Einige nur für ein kurzes Zeitfenster.

Wie geht das Sterben? Kann man es lernen? Ich weiß es nicht. Aber wir können uns vorbereiten, den Tod zu akzeptieren als das, was er ist. Ein Teil des Lebens. Denn ohne den Tod wäre das Leben nichts wert.