Es ist wieder passiert!!

Lesezeit 2 Minuten

Nach den langen Monaten des Wartens dufte ich mein Buch der Öffentlichkeit präsentieren und war überwältigt von den wunderbaren Reaktionen.

Am meisten erwischte es wohl aber mich.

Um die Lesung vorzubereiten, habe ich das Buch nach längerer Zeit wieder in die Hand genommen. Es galt, den Ablaufplan zu erstellen, die Texte zu üben, die Musik entsprechend auszusuchen und alles an das gewünschte Zeitfenster anzupassen.

Während ich die Texte mehrmals durchgelesen hatte, blieb ich immer wieder an einer bestimmten Stelle hängen und konnte nicht weiterlesen. Zu nahe ging mir die Geschichte. Die Person, mit der ich das erlebte, tauchte immer wieder vor meinem geistigen Auge auf. Jedes Mal, wenn ich zum Schluss der Erzählung kam, kämpfte ich mit den Tränen.

Zu wach war die Erinnerung.

„Was ist denn jetzt los mit mir? Reiß dich zusammen, du kennst doch die Geschichte. Hast sie ja selbst geschrieben!“ Schimpfte ich mich selbst.

Damit mir meine Stimme im Moment des Auftritts nicht versagt und mein Publikum seine eigene Interpretation entwickeln kann, übte ich sehr intensiv den Text, um meine Emotionen in den Griff zu bekommen.

Aber ich denke, dass macht doch die Hospizarbeit auch aus. Empathie, Einfühlungsvermögen und das Erleben menschlicher Schicksale. Sicher wirken die letzten Monate nach. Corona und die damit verbundenen Einschränkungen gingen auch an mir nicht spurlos vorüber.

Vielleicht kann ich deshalb jetzt noch mehr meine Begleitung von damals verstehen, die Ihr Leben nicht selbstbestimmt gelebt hat.

Wir alle waren in vielen Momenten der letzten Zeit nicht mehr selbstbestimmt. Mussten und müssen uns noch an Regeln halten, die für alle wichtig sind.

Ich wünsche uns allen, dass wir bald wieder Normalität leben dürfen, selbstbestimmt und mit entsprechendem Freiraum. Es sollte uns immer wieder bewusst sein, dass unsere Freiheit und die Möglichkeiten, das zu tun, worauf man Lust hat, nicht selbstverständlich sind. Es lohnt sich, sein Leben verantwortungsvoll selbst in Hand zu nehmen. Wenn Sie das nicht tun, dann kann es passieren, dass am Ende Ihrer gezählten Tage folgende Geschichte erzählt wird.

… Franziska Knaur, 54 Jahre jung, Bauchspeicheldrüsenkrebs. So lautete meine Einsatzbeschreibung. Sie wurde von ihrem Mann aus der Klinik nach Hause geholt, um dort ihre letzte Reise anzutreten … (Beginn meiner Geschichte im Buch auf Seite 119)

Alle meine aktuellen Termine für Lesungen finden Sie hier auf meiner Homepage unter „Aktuelles“ Sie persönlich begrüßen zu dürfen, wäre mir eine große Freude!

Wer zuerst lacht, lacht am besten!
Nichts mehr verpassen? Ob aktuelle Lesungen, neueste Geschichten und Blog Einträge? Und das alles ohne Werbekram und Schnickschnack?
Dann sollten Sie sich jetzt in den Newsletter eintragen, denn das Leben ist zu kurz für irgendwann…

Eine klare Ansage an das Leben …

Die Türen für Kunst und Kultur werden wieder geöffnet. Und Sie dürfen live mit dabei sein!

Sie erleben nicht nur humorvolle und berührende Geschichten aus „SterbeMund“, sondern genießen dazu eine außergewöhnliche Interpretation am Marimbafon. Als besonderes Schmankerl habe ich exclusive für diese Lesung neue Anekdoten im Gepäck und zeige damit bisher unveröffentlichte Einblicke in meine aktuellen Begleitungen.

Wann: Mittwoch, 16. Juni, 19.30 Uhr

Wo: Erlöserkirche in Klettham bei Erding

Karten: 8,00 €, Stadtbücherei Erding, Aeferleinweg 1, 85435 Erding, Telefon: 08122 408-140
E-Mail: stadtbuecherei@erding.

Ich freue mich auf Sie und auf einen wunderbaren Abend in einer ganz besonderen Atmosphäre.

Ihre Petra Frey

Nicht die mit der Brille!

Lesezeit 1 Minute

Unfreiwillig wurde ich Zeugin einer Debatte zwischen Vater und Tochter mit dem Thema: „Was machen wir wenn?“

Der Mann hatte Parkinson, seine Frau war bereits vor Jahren verstorben und die Tochter pflegte ihren Vater viele Monate. Die Krankheit hatte sich leider derart verschlechtert, dass sie mit dem Schlimmsten rechneten. Deshalb wollten sie eine Patientenverfügung machen, bevor es zu spät war und ihr Vater sich nicht mehr mitteilen konnte.

So traurig die Situation war, so spaßig wiederum gingen die beiden damit um.

Patriarchisch wurde vom Vater verkündet: „Also da muss auf jeden Fall rein, dass ich nur hübsche Krankenschwestern haben möchte, nicht so ein Trampeltier mit Brille wie die Dings, na wie heißt die denn?“

„Ist doch egal, Vati, wie die heißt. Ich weiß schon, wer das ist. Die nehmen wir nicht, versprochen.“

Er blieb aber hartnäckig …

„Und dann möchte ich noch, dass der Sarg offen bleibt bis zum Schluss. Ich will alle noch mal sehen. Und ich will ein Glöckchen mit in den Sarg, damit ich bimmeln kann, falls ich doch noch nicht tot bin und so ein Idiot von Arzt sich getäuscht hat.“

„Aber Vati, das kommt doch nicht in die Patientenverfügung. Die ist doch dafür gedacht, dass Du aufschreibst, was Du möchtest oder was du nicht möchtest, so lange Du lebst. Und nicht für die Zeit danach.“

„Ach so. Ja, dann lass das mit dem Sarg weg und schreib nur das mit den Schwestern. Aber du weißt schon, dass die früher den Leuten einen Hammer und eine Axt mit in den Sarg gegeben haben, damit die sich selber ausbuddeln können, falls sie noch nicht ganz tot sind?“

Die Tochter blieb ganz entspannt.

„Vati, das ist auch für danach.“

„Stimmt“, gab er ihr recht,  „Stell dir vor, in Graz, da bei den Ösis, bekamen früher die Leichen vorsichtshalber noch ’nen Stich ins Herz, weil die sich nie ganz sicher waren, ob der Quacksalber von Doktor  sich nicht doch getäuscht hat!“

„Also gut Vati, ich schreibe jetzt erst mal das mit den hübschen Schwestern.“

„Ja genau“, unterbrach er eifrig, „nicht die mit der Brille!“

Ein Hör im Gerät, oder so ähnlich …

Lesezeit: 2 Minuten

Es ist mir lästig. Nein, eigentlich nicht nur lästig, sondern es nervt! Aber es muss sein, für mich, für die anderen und vor allem für meine Hospizbegleitungen. Das Tragen der FFP. Mit ihrem schicken sterilen Outfit und den trendy Bändchen, die mir die Ohren nach vorne stülpen, als hätte ich nicht schon genug damit zu tun, meine beschlagenen Brille freizukratzen.

Was mich aber am meisten stört, ist die schwierige Kommunikation. Im normalem Umgang fällt es mir nicht ganz so auf, irgendwie habe ich mich schon tatsächlich daran gewöhnt, aber bei meinen Besuchen bei Frau Huber ist es echt eine Herausforderung.

Schlecht hören tut sie gut, nur gut sprechen tut sie schlecht.

Frau Huber hört nicht nur schlecht, sondern nuschelt auch ein wenig. Für beides kann sie natürlich nichts, aber unsere Unterhaltung ist mittlerweile echt der Knaller. Meist rate ich mehr, was sie sagt, denn von den Lippen ablesen geht ja schlecht. Da ist ja wieder die Maske im Weg. Doch genug gejammert, denn gestern hatte ich neue Hoffnung geschöpft.

Es gibt für (fast) alles eine Lösung …

Jetzt hat sie Gott sei dank ein Hörgerät bekommen. Sie war sichtlich stolz auf ihre neue Errungenschaft und gleich beim ersten Ankommen erzählte sie mir davon.

„Frau Frey, ich habe jetzt ein Hör im Gerät und kann viel besser hören, was ich sage. Und auch was sie sagen. Also diese Technik heutzutage! So wunderbar. Das Gerät ist ganz klein und schauen sie mal da hinter dem Ohr, der kleine Kasten.“

Um die AHA-Regeln nicht zu missachten, schaute ich aus der Ferne hinter ihr Ohr und sah erst mal … gar nichts.

Oder war es wirklich so klein?

Keine Ahnung, aber Frau Huber freute sich und erzählte mir von ihrem Besuch beim Hörgeräteakustiker in einer sehr langen und ausführlichen Beschreibung. Ehrlich gesagt, verstand ich nur die Hälfte von dem, was sie mir erzählte, aber sie hatte so einen Spaß, dass es eine Freude war, ihr zuzusehen beziehungsweise zu hören.

„Wissen Sie, als ich da in den Geschäft drin war, habe ich das beste Gerät bekommen, das noch zu haben war. Es war zwar nicht billig, aber wenn ich da besser hören kann. Das ist doch was, oder? Da kann man schon mal etwas mehr Geld ausgeben.“

„Ja natürlich, das ist echt toll. Ich freue mich für sie. Was hat es denn gekostet?“

„Wie bitte?“

„Wie viel mussten sie denn bezahlen?“

„Ach so, jetzt habe ich sie verstanden. Gleich halb Zwölf.“

Und dann sah ich auf Ihrem kleinem Tischen neben dem Bett eine durchsichtige Box. Mit einem nagelneuem Hörgerät …

Nix anbrennen lassen …

Lesezeit 2 Minuten

Noch vor Corana-Zeiten besuchte ich einen ehemaligen Busfahrer. Er war in einer Einrichtung für „betreutes Wohnen“ untergebracht, mit Notklingelknopf, regelmäßigem Pflegebesuch und Personal für die Reinigung seines kleinen Zimmers. Ein korpulenter, kleiner Mann mit grauen Schläfen und einem fein säuberlich gezwirbelten Schnurrbart. Stets gepflegt, saß er mit einem frisch gebügelten Hemd, hochgestelltem Kragen und akkuraten Bundfaltenhosen auf seinem Sofa. Dünne Schläuche, jeweils rechts und links im Nasenloch, versorgten ihn mit dem dringend benötigten Sauerstoff. In den großen Hosentaschen deponierte er sein Schnupftuch, womit er ständig seine unablässig tropfende Nase tupfte.

Buschige Augenbrauen streckten sich mir entgegen und seine Augen glitzerten, wenn er mir von seinem längst vergangenen, aufregenden Leben erzählte.

      „Bus bin ich gefahren. Nich‘so ein gewöhnlicher Bus, ne! Ich war in der ganzen Welt unterwegs und hab‘ viele Länder gesehen. Die Türkei mit ihre schöne Landschaft und der ewigen Sonne, dann die Toskana mit ihre Häuschen, braun und schön wie die Erde. Terrakotta nennt man die, glaub‘ ich, das schöne Braun. Oder hoch droben in Norden war ich auch, bei die Polarlichter. Man glaubt es ja nich, aber die sind so schön mit ihre Farben. Ah, so schön alles. Ich hab‘ alles hier gesehen. Wissen Sie, ich hab‘ so einen  Reisebus gefahren und ich hab‘ es geliebt! Die Touris hatten so viel Freude mit mir und ich mit denen. Da haben wir schon so manches Schnäpschen miteinander gekippt und ’nen schönen Abend gehabt.“

Heinz Rüdiger, COPD- Patient*. Eine Diagnose, die bedeutet, dass die Lunge sich langsam verabschiedet und der atemlose Patient, mehr schlecht als recht, mit einem von außen zugeführten Sauerstoffschlauch zurechtkommen  muss. Eine gruselige Vorstellung, bei regelmäßigen Anfällen fast zu ersticken und dabei gerade noch so ein bisschen am Leben zu bleiben. Ich hatte viel Empathie für ihn und ich muss gestehen, ich hatte großen Respekt vor dieser Begleitung.

Jammern kam für ihn nicht in Frage.

Mit seinem Sauerstoffschlauch in der Nase und einer Kaffeetasse in der Hand, freute er sich über jeden Besuch, damit er facettenreich von seinen vielen Reisen erzählen konnte. Er blühte förmlich auf, wenn er schilderte was für wunderbare Flecken Erde es auf dieser Welt gab, beschrieb mir ehrfürchtig die Farben und Formen verschiedenster Vegetation, das Meer und die Flüsse die er so liebte und verehrte. In vielen fremden Städten war er gewesen, erlebte viel Neues, Aufregendes und formte die Bilder in seinem Kopf nach. Seine Erinnerungen trugen ihn über  Erstickungsattacken hinweg und nur wenn es ganz schlimm wurde, zog er sich ganz in die Vergangenheit zurück.

„Wissen Sie, ich hab‘ nichts anbrennen lassen, wenn Sie verstehen was ich meine. Ich hatte den Spitznamen Mister Teflon. Von die Teflonpfanne!“

Er lachte laut auf und ein freches Augenzwinkern unterstrich seinen zweideutigen Satz.

„Ich hatte viele Freunde unter die Busfahrer und auch in dem Ausland kenne ich ’ne ganze Menge an Leuten. ’Ne ganze Menge. Alle total nett.“

„Na, kann ich Ihnen ein Schnäpschen anbieten? Oder ein Stück von dem Nachmittagskuchen?“ „Nein danke, aber darf ich Sie etwas fragen?“, erwiderte ich vorsichtig. „Na klar, fragen Sie nur,  müssen Sie aber schnell machen, denn soviel Zeit hab ich nicht mehr“, scherzte er makaber.

Etwas konnte ich aber einfach nicht verstehen…

„Warum haben Sie denn an Ihrem Bettschränkchen den Zettel mit der Aufschrift Bitte Glas benützen!! Welches Glas denn? Und wofür?“ fragte ich ihn.

„Ja wissen Sie, in meinem Nachtisch steht meine Schnapsbuddel und immer wenn ich nich im Zimmer bin, kommt die Putzfrau und klaut sich ’nen Schluck draus. Das is doch keine Hygiene. Die soll wenigstens ’ne Glas benützen! Wenn ich schon sterbe, dann nicht mit so ’nem Herpes an die Lippe.“

Der Teufel hat den Schnaps gemacht

Wir lachten beide, er mit deutlich weniger Atem als ich, aber nicht weniger herzlich. „Wissen Sie, Frau Frey, schon der gute alte Udo Jürgens hat gesungen ,Der Teufel hat den Schnaps gemacht’.  Schätze mal, so unrecht hat er nicht. Aber was solls, dann komm ich halt in die Hölle, im Himmel kenn ich eh keinen!“

     

Letzter Tipp von Frau Müller: „Keine Daueraufträge!“

Lesezeit 1 Minute

Eine außergewöhnliche und rührende Liebesgeschichte habe ich bei einem alten Ehepaar erlebt. Frau Müller wurde mit Leukämie ins Hospiz eingeliefert und ab diesem Zeitpunkt war auch immer ihr Mann an ihrer Seite. Die beiden hatten  unsagbar wunderbare, humorvolle Gespräche miteinander. Ständig schimpften sie auf liebevolle und witzige Weise miteinander, nahmen sich und den herannahenden Tod fortwährend auf die Schippe.

Sie erzählten sich die unendlichen Geschichten eines Ehepaares, lebten die vielen vergangenen Jahrzehnte gemeinsam noch einmal durch.

„Weißt du noch, damals….“ Es ging von einem Thema zum anderen, vom ersten Kennenlernen bis zur gemeinsamen Wohnung. „Weißt du noch, die Wohnung, die erste war so winzig… Später hatten wir dann eine richtig schöne… und dann das alte Auto, wo du immer die Batterie morgens aufladen musstest… Ach, was war das für eine schöne Zeit…“ Sie kicherten wie zwei verliebte Teenager. „Ach und wie die Kinder dann in die Schule gekommen sind. Was war ich stolz, als ich unser erstes Enkelkind auf dem Arm hatte.“ „Wieso bist du denn da stolz? Da haben wir ja gar nichts dazu getan.“ „Ach Klaus, das sagt man doch nur so.“

„Na gut, wenn du meinst.“ „Aber mit den Enkelkindern da haben wir wirklich Glück.“

Sie redeten über das Sterben und über das Danach.

       „Schatz, wenn ich gestorben bin, dann mach bitte keine Daueraufträge.“ „Wieso das denn?“ „ Du musst immer zur Bank gehen und alles selbst ausfüllen und überweisen. Das hab ich dir doch gezeigt, wie das geht. Wenn du einen Dauerauftrag hast und nicht mehr aus dem Haus und zur Bank gehst, dann fällt es auch keinem auf, wenn Du nicht mehr aus der Wohnung kommst. Herrjeh, dann liegst du da vielleicht ewig in der Wohnung und keinem fällt es auf.“ „Na gut, ich mache keine Daueraufträge.“ „Gut so Klaus.“

Das Sterbebett wurde zum Treffpunkt der Familie. Kinder und Enkelkinder kamen so oft wie möglich. Von weit her reisten Verwandte an, um sich von der kleinen Frau mit den himmelblauen Knopfaugen zu verabschieden. Das Zimmer war überfüllt mit Blumen, Kinderzeichnungen, Selbstgebasteltem,  vielen liebevollen Dingen und man spürte, wie sehr diese alte Dame und ihr herzensguter Ehemann geliebt wurden.

       „Ach du liebe Güte, ich wusste gar nicht, dass wir so viele Verwandte haben!“, hörte ich sie einmal ihre Liebsten begrüßen. „Na, dann kommt mal rein in die gute Stube.“

Es wurde gelacht und geweint, erzählt, umarmt

Immer war eine herzliche Wärme und Geborgenheit zu spüren, wenn ich in das Zimmer kam.

Als es dann mit ihr zu Ende ging, schmiegten sich die beiden alten Leutchen aneinander und hielten sich an den Händen. Leise hörte ich sie zu ihrem Mann sagen: „Weißt du was Klaus? Es war alles in unserem Leben wirklich sehr schön“

Was für eine Zufriedenheit!

„Jetzt nehmen sie doch die Maske ab! Ich sterbe ja sowieso.“

Lesezeit: 2 Minuten

Das ist mal eine klare Ansage, wie ich finde. Zugegebenermaßen etwas verlockend, denn die kratzige Maske nervt. Auch erschwert sie mir meinen Vortrag, denn ich bin gerade dabei, einer meiner liebsten Weihnachtsgeschichten zum Besten zu geben. Mit kräftiger Stimme manövriere ich mich durch die humorvolle Erzählung und kämpfe mit einer gewissen Mundtrockenheit, hervorgerufen durch die laute Plärrerei.

Es ginge normalerweise etwas gefühlvoller und in feiner Erzählstimme.

In Zeiten von Corona muss ich mir aber anders behelfen und etwas mehr Druck geben, damit mein ohnehin etwas schwerhöriges Gegenüber wenigstens ein klein wenig Weihnachtsstimmung erhaschen kann. Irgendwie komme ich mir auch ziemlich blöd vor, weil ich meine Begleitung so „anschreien“ muss und mehr mit den Händen gestikuliere als sonst.

Aber es hilft ja nichts…

Zugegeben, es strengt mich an, aber nachdem ich aktuell auf der Bühne meine Phonetik nicht anwenden kann, sehe ich es als gewisse Übung. Ok, ich rede es mir gerade schön zugegeben, aber es tröstet mich darüber hinweg, dass ich mit halbverdecktem Gesicht und im Brüllmodus einem kranken Menschen gegenübersitze, dessen Weihnachten wohl das Letzte sein wird.

Trotzdem behält sie ihren feinen Humor und beschwert sich lächelnd:“ Dieser Coronavirus ist das erste „Made in China Zeug“, dass nicht nach drei Wochen kaputt geht. Wissen Sie, es macht mir wirklich nichts aus, wenn Sie keine Maske aufhaben. Jetzt tun Sie doch das Ding runter.“

Jetzt bin ich in der Zwickmühle!

„Es gibt aber eine Maskenpflicht und die möchte ich auf jeden Fall einhalten. Außerdem möchte ich Sie nicht unwissentlich anstecken und in Gefahr bringen, an diesem Virus zu erkranken. Deswegen ist es mir lieber, den Mund-Nasen-Schutz zu tragen.“ Meine Verteidigung findet wenig Anklang. „Aber Frau Frey, es ist doch egal, woran ich sterbe. Viel Zeit bleibt mir eh nicht mehr. Dann ist es eben der Virus, oder?“

Grundsätzlich versuche ich gute Laune zu verbreiten, keine Angst zu machen, meine Begleitungen zu unterstützen und keine großen Diskussionen vom Zaun zu brechen.

Dieses Mal muss ich aber über meinen Schatten springen und meine liebe alte Dame, sie ist 89, eines Besseren belehren.

„Ich habe großen Respekt vor dem Leben und ich wünsche Ihnen und mir einen ruhigen und würdevollen Tod. Vielleicht dürfen wir ja friedlich in unserem Bett einschlafen, ohne große Schmerzen und Qual. Es könnte auch sein, dass sich der Sterbeprozess, so wie er normalerweise stattfindet, etwas hinauszögert und wir unsere liebsten Menschen händchenhaltend verabschieden. Voller Liebe und Nähe, mit guten Wünschen und zärtlichen letzten Worten. Wenn es schon sein muss, dann wünsche ich mir das.“

Sie sieht mich mit großen Augen an.

„Aber wenn Sie an diesem Virus erkranken, dann sterben Sie isoliert, ohne Kontakt mit anderen, umgeben von einem fremden Pflegepersonal, dessen Gesicht Sie nie sehen werden. Eine grausame Atemnot zwingt Sie an einem Apparat, der Ihre Sauerstoffzufuhr regelt und sie bäuchlings vermutlich als einer der Letzten Dinge in Ihrem Leben, den sterilen Klinikboden sehen.

Das wünsche ich Ihnen, mir und sonst niemanden. Und genau deswegen werde ich die Maske nicht abnehmen!“

Auch wer gesund stirbt, ist trotzdem tot.

Lesezeit 1 Minute

Wer gerne mit mir lachte, war Herr Fritz, 85 Jahre. Ich betreute ihn ambulant, besuchte ihn regelmäßig in seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. Sein ganzer Stolz waren seine Kinder und Enkelkinder. Überall hingen Familienfotos und selbstgemalte Bildchen als Zeugen eines intakten Lebens.

„Ich verlasse diese Wohnung nur liegend und mit den Füßen voraus.“

Das war sein Lieblingsspruch. Was heißen sollte, dass er sein Zuhause nur dann verlassen hätte, wenn er gestorben wäre. Er hatte Lungenkrebs und sollte eine Chemotherapie bekommen, die er strikt verweigerte. Auch davon, dass er das Rauchen aufgeben sollte, hielt er nichts. Auf meine kleine, freundliche Stichelei: „Und was macht die Raucherei?“, blinzelte er mich mit funkelnden Augen an und konterte mit dem Spruch: “Stellen Sie sich vor, ich habe doch tatsächlich heute in der Zeitung gelesen, dass auch Nichtraucher sterben. Der Helmut Schmid, der Ex-Kanzler, ist der berühmteste Kettenraucher, den ich kenne und der ist 96 Jahre alt geworden. Der hat auch nicht auf seine Ärzte gehört und das war gut so. Sonst wär der schon viel früher in die Kiste gesprungen. Ne, da fang ich doch jetzt nicht mit dem Aufhören an.“

Insgeheim wussten er und ich, dass zu diesem Zeitpunkt der Erkrankung ein Verzicht auf die geliebten Glimmstängel nichts mehr wesentlich verbessert hätte.

Und so blieb er der unverbesserliche aber zufriedene Kettenraucher. In seinem Nachttisch sammelten sich Verdampfer und Akkus für die E-Zigarette, mit den dazugehörigen Aromen in den verschiedensten Geschmacksrichtungen. „Ich habe schon so viel über die bösen Auswirkungen von Rauchen, Trinken und ungesundem Essen gelesen. Jetzt habe ich aufgehört das zu lesen! Auch wenn man gesund stirbt, ist man trotzdem tot!“ Gegen so eine  Logik kam ich definitiv nicht an.

 Charmant blieb er immer und scherzte gerne. Auf meine Nachfrage, ob ich seine hoffnungslos verdorrte Zimmerpflanze entsorgen soll, antwortete er mir schlagfertig: „Die ist nicht vertrocknet. Die wächst knusprig!“ Das Schicksal der Trockenblume wurde mit einem Augenzwinkern besiegelt und ich durfte sie der Mülltonne übergeben.

Mit seiner Schwiegermutter wollte er auf keinen Fall etwas zu tun haben.

„Ich möchte auf keinen Fall in das Grab meiner Schwiegermutter. Diese Frau hat mich einfach nie leiden können. Die hat ständig gegen mich gewettert. Ach, was hatte ich Ärger mit dieser ollen Schachtel. Und sie war unglaublich fett. Mein Gott war die fett!“ Er grinste: „Aber jetzt hat sie ihr Idealgewicht.“ „Ähm, wie, ich verstehe nicht?“, fragte ich ihn. „3,20 kg inklusive Urne“, und darauf lachte er so schallend, dass ich nicht anders konnte als mitzulachen.

Da war ich eben mal sprachlos …

Lesezeit 2 Minuten

…und, das ist bei mir schon etwas unüblich. Normalerweise bin ich bemüht, meine 16 000 Wörter, die Frauen laut Statistik täglich verbrauchen, meiner Umwelt nicht vorzuenthalten.

Grund für meine spontane Sprachlosigkeit war mein aktueller Einsatz im Seniorenheim. Gräfin von Funkenstein, 90 Jahre, geistig sehr fit und außerordentlich redegewandt. Körperlich ist sie leider nicht mehr in der Lage, das Bett zu verlassen und ihrer Situation hilflos ausgeliefert.

„Sie ist etwas schwierig, eigenwillig und hat die Absicht geäußert, in die Schweiz zu fahren. Du weißt schon. Sterbehilfe.“, meinte meine Koordinatorin vor meinem erstem Einsatz.

Das war für mich schon eine Herausforderung!

So vorbehaltlos wie möglich ging ich in das Gespräch. Allerdings kann ich nicht behaupten, dass ich dieses Mal nicht froh gewesen wäre, das man mir die Anspannung aufgrund des Mund-Nasen-Schutzes nicht ansehen konnte. Ich war nervös. Deutlich spürte ich, dass mein Gegenüber viel von mir erwartete und ich dem unter Umständen nicht standhalten konnte.

„Also einfache, banale Küchengespräche mag ich gar nicht. Wenn Sie zu mir kommen, möchte ich nicht das meine Zeit verplempert wird. Immerhin habe ich davon kein unbegrenztes Reservoir.“

Sie redet nicht um den heißen Brei.

Gut so, dass gefällt mir. Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin. Ich konzentrierte mich auf das was ich einmal in meiner Ausbildung zur Hospizbegleitung gelernt hatte. Beobachten, zuhören und gut überlegen wie der nächste Schritt sein könnte. Einge betagte Senioren kommen gerne gleich auf den Punkt einer Sache, sind manchmal ungeduldig oder auch etwas sturr. Alles Eigenschaften die ich sehr gut nachvollziehen kann, wenn man bedenkt wieviel sie teilweise schon durchgemacht haben.

Okay, jetzt liegt es an mir den Ball zurückzugeben.

Ich versuchte, heraus zu finden, was ihre Vorlieben sind, welche Musik sie gerne hört und wie ihr Leben früher vor der Krankheit ausgesehen hatte. Ganz vorsichtig, um nicht wie ein Elefant durch ihr Leben zu trampeln.

Und dann? Bingo!

Sie mag Theater, Kunst und ist ein Fan von Lena Christ. Auch ich habe sehr viel über diese Schriftstellerin gelesen und wir kamen ganz schnell in ein wirklich anregendes Gespräch. Die Zeit verflog und mit ihr meinen Unsicherheit und Bedenken.

„Liebe Frau Frey, das Gespräch mit Ihnen hat mir so gut getan. Es war so schön, wie wir uns unterhalten haben. Ich fühle mich jetzt viel besser! Danke!“

Kein Todeswunsch, keine traurige Stimme und Zuversicht in Ihren Worten.

Da wusste ich wieder, warum ich dieses Ehrenamt mache. Es ist so ein wunderbares Gefühl, gerade in schweren Zeit für andere da zu sein. Einfach so. Mit einem Gespräch, einem Lächeln, einer kleinen Geste. Ich bin herzlich willkommen und es ist eine wunderbare Aufgabe, Wertvolles für einen anderen Menschen zu leisten.

Diese Frau hatte vor ein paar Wochen noch den Wunsch zu sterben. Sie fühlte sich einsam, verlassen und alt. Mit wenigen Besuchen und kurzen Telefonaten, sieht sie sich jetzt nicht mehr verloren, hat neuen Mut gesammelt. Und ich dürfte als ein kleines Rädchen mitdrehen.

Meine Überzeugung ist es, dass jeder von uns einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, damit andere Menschen sich besser fühlen. Einfache Dinge. Ohne großem Aufwand.

Wenn Sie sich etwas umsehen, finden Sie sicher jemanden, der um ein paar freundliche Worte dankbar ist, sich über etwas Hilfe freut und vielleicht dadurch wieder mehr Vertrauen in das Leben hat. Gerade in dieser schwierigen Zeit, wo wir oft sehr mit uns selbst beschäftigt sind, möchte ich Sie ermuntern, sich etwas bewusster umzuschauen.

Vertrauen Sie mir, es tut einfach wirklich gut, gutes zu tun. Versprochen!

Friedhof? Von wegen unbeobachtet…

Lesezeit 1 Minute

Wenn Sie denken, am Friedhof haben Sie Ihre Ruhe, dann haben Sie leider falsch gedacht. Das Internet mischt auch dort schon ordentlich mit, und das moderne digitale Zeitalter findet hier seinen Platz. Alles muss schneller, unkomplizierter sein, da macht auch die letzte Ruhestätte keine Ausnahme.

Mit einem Klick zum Grab.

In Wien bieten Friedhöfe bereits einen Onlineshop für Grabstätten an. Am Eingangstor kann der Besucher sich ein E-Bike ausleihen und vermehrt sind dort auch künftig Cafes geplant .

Onlinemeeting in der Aussegnungshalle?

In Österreich kann man außerdem einer Trauerfeier via Internet beiwohnen, für den Fall, dass entfernt wohnende Verwandte an der Zeremonie nicht teilnehmen können. Ein Leichnam muss spätestens nach 96 Stunden bestattet werden. Folglich könnte es für die Hinterbliebenen, die in anderen Ländern wohnen, schon mal schwierig werden, die Aussegnungshalle zu besuchen. Aber die Webcam macht‘s möglich. Mit Hilfe der modernen Technik kann der Enkel in Australien live die Trauerrede des Pastors und die gesamte Zeremonie miterleben. Ja, wir leben in einem vernetzten Zeitalter und da ist es legitim, denen, die nicht vor Ort sein können, ein Bild vom Grab der geliebten Oma zu schicken.

Keiner muss mehr lange nach dem Grab suchen.

Mittlerweile gibt es tatsächlich schon flächendeckendes WLAN und die Suche nach dem Grab per GPS. Videodrohnen erlauben selbst weit entfernten Verwandten einen regelmäßigen Blick auf das Grab.

So recht weiß ich nicht, was ich davon halten soll, wenn ich mir vorstelle, dass ich bei meinem nächstem Friedhofsbesuch von Drohnen begleitet werde und eventuell mein Neffe in Frankreich beobachten kann, ob ich modisch up to date bin. Meistens schleppe ich Blumen und Erde an das Grab, hacke verschwitzt Unkraut und trabe mit hochrotem Kopf fünfmal zum Friedhofsbrunnen, um die Gießkanne aufzufüllen. Kein schöner Anblick. Aber da muss der Neffe durch, wenn er sich online einloggt.

Big Brother is watching you…