Gekonnte Wortakrobatik

Mir rennt die Zeit davon! Mist! Jetzt war ich längere Zeit nicht mehr bei meiner lieben, alten Dame. Sie fehlt mir.

Sie ist im Krankenhaus, es geht und geht ihr leider immer schlechter. Normalerweise besuche ich meine Begleitungen im Krankenhaus, aber bei mir haben sich die Termine überschlagen und das Klinikum liegt leider am anderen Ende der Stadt. Aber das gehört für mich zu einer ehrlichen Begleitung. Wenn Besuche schwer möglich sind, dann muss auch ich mir eingestehen, dass meine Möglichkeiten begrenzt sind.

Trotzdem habe ich dann ein schlechtes Gewissen. Blöd eigentlich, denn niemand zwingt mich, ich habe keinen beruflichen Auftrag und auch keinen Chef der hinter mir steht. Genau das macht ja die Hospizarbeit für Betroffene so wertvoll.

Wenn ich meine liebe, alte Dame besuche, dann ganz freywillig (sorry, das Wortspiel konnte ich mir jetzt einfach nicht verkneifen).

Doch selbst für mich, als ausgebildete Hospizhelferin und zertifizierte Krisenbegleiterin, ist es durchaus schwierig, Menschen gegenüber zu stehen, die starke Schmerzen haben. Oder wie in dem Fall meiner lieben, alten Dame die ständig nach Luft ringt und mich mit hilflosem, todgeweihtem Blick anschaut:“ Warum habe ich nur so Pech? Wieso trifft es mich so schlimm? Wissen Sie denn eine Behandlungsmethode, die mir hilft? Sie müssen das doch wissen! Sie sind doch immer bei kranken Menschen. Sie kennen bestimmt einen guten Arzt, der mir helfen kann, oder?

Nein, ich weiß keinen Arzt, der den Sterbeprozess aufhalten kann. Nein, ich kenne keine neue Behandlungsmethode. Nein ich kann nicht helfen. … Ich würde so gerne etwas anderes sagen.

Was ich tun kann?

Da sein. Nicht die Flucht ergreifen, wenn mir die Antworten ausgehen. Zuhören, Stille aushalten. Wehklagen erdulden. Bleiben, und wieder kommen.

Das ist eine ganze Menge, obwohl ich manchmal das Gefühl habe, nichts zu tun.

Als ich letztes Mal bei ihr war, saß sie, zerbrechlich, ein kleines Häufchen Mensch, in dem viel zu groß geworden Sessel im Wohnzimmer. Wie immer hing ein feines Gewirr von Plastikschläuchen an ihrem Hals. Sie saugte die Luft durch die Öffnungen gierig durch die Nase ein und stöhnte den mühsam erarbeiteten Sauerstoff wieder aus. Die Konzentration, genügend Luft zu bekommen, erschöpfte sie vollends.

„Ach Frau Frey, es ist so furchtbar, alles so furchtbar. Das ist doch kein Leben mehr“ klagte sie mit leiser Stimme. Es ging ihr wirklich beschissen und in diesem Moment fiel mir wirklich nicht mehr dazu ein. Obwohl ich normalerweise solche Ausdrucksweisen, nicht nur meinen Kindern, sondern auch mir, verboten habe, hörte ich mich sagen:

“Sie haben so recht! Das ist echt, alles eine verdammte Scheiße!“

Mit großen Augen und wie vom Donner gerührt, sah sie mich an. Plötzlich lachte sie, so gut es ihr kurzer Atem zuließ, laut auf:“ Mein Gott, Frau Frey, was habe sie recht. Das ist wirklich alles eine verdammte Scheiße!“

Sie lachte und lachte, dass ich schon Sorge hatte der Sauerstoffkasten neben ihr würde kollabieren. Aber sie strahlte mich an, wie ein kleines Kind, das heimlich Schokolade genascht hatte. „Endlich mal jemand der nicht ewig um den heißen Brei redet. Ich kann das ganze Geschwafel der anderen schon nicht mehr hören. Danke Frau Frey das tut wirklich gut.“

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