Grundsätzlich fällt es mir schwer, weniger zu machen, stillzuhalten und mal nichts zu tun. Okay, Fernsehabende kann ich schon mal genießen. Auch gelingt es mir immer öfter, tagsüber ein Buch in die Hand zu nehmen. Aber ich habe die preußische Erziehung meiner Mutter: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ mit der Muttermilch aufgesogen.
Dass ausgerechnet ich in der Sterbebegleitung „lande“, hätte ich mir nie träumen lassen.
Da geht es oft darum, Ruhe und Sicherheit auszustrahlen. Nicht hektisch zu reagieren und die Stille auszuhalten. Gerade Letzteres ist für mich wirklich eine große Herausforderung. Manchmal ertappe ich mich dabei, zu plappern wie ein Papagei, um Sprachpausen zu füllen. Auch dann, wenn ich unsicher bin, nicht so recht weiß, wo der Weg hingeht. Aber gerade in der Begleitung werde ich da gerne mal auf meine Grenzen hingewiesen. Schwerstkranke wollen meist nicht plappern. Es bleibt nicht viel Zeit und die will sinnstiftend genutzt werden.
So wie ein aktueller Besuch bei Herrn Bauer, der nur noch wenige Tage zur Verfügung hatte. Er wusste es, ich wusste es. Zwischen meinen alltäglichen Pflichten gestattete ich mir eine Stippvisite und dachte, das wäre ein guter Einfall. Einfach für einen kurzen Moment vorbeischauen.
Aber es kam ganz anders.
Schon beim Eintreten in das Zimmer merkte ich, dass mein Gegenüber viel mehr Zeit brauchte, als ich mir außertourlich genehmigte. Nachdem ich nun schon mal da war, beschloss ich, meinen anschließenden Termin noch schnell via WhatsApp um eine Stunde nach hinten zu schieben.
Natürlich merkte Herr Bauer meine Anspannung. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, aber auch mir passieren nach all den Jahren noch Unachtsamkeiten. „Frau Frey, Sie sind heute im Stress, oder?“ „Ein wenig“, entgegnete ich.
„Wenn Sie so schnell rennen, laufen Sie an der Zeit vorbei. Je schneller wir laufen, desto schneller vergeht die Zeit. Na ja, zumindest gefühlt.“
Ich atmete tief durch. Konzentrierte mich auf den Moment und auf einmal war die Zeit nicht mehr so bedeutend.
Er hatte recht.
Wenn man aufhört zu rennen, sieht man die Dinge deutlicher. Ich nahm mir vor, diese Weisheit des Augenblicks zu bewahren. Wenigstens bis zum nächsten Mal, wenn wir uns wieder sehen würden. Leider habe ich ihn nicht mehr lebend angetroffen, aber sein Spruch ist bei mir geblieben und hin und wieder gelingt es mir tatsächlich, langsamer zu laufen.
Hin und wieder …
Ihre Petra Frey
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